Rhein-Main-steht-auf ist am Ende

Michael Hetzel erklärt die Gruppe für aufgelöst – Das Protokoll des Scheiterns

Schon seit einiger Zeit befand sich die Gruppe Rhein-Main-steht-auf (RMSA) in der Krise. Mobilisierungserfolge blieben aus und im Organisations-Team stritt man sich um die Frage, wie es weitergehen solle. Nun hat Michael Hetzel, der Gründer und Kopf der Gruppe, zum Jahreswechsel die Auflösung von RMSA verkündet. Die »Silvester-Demonstration« in Aschaffenburg, die jährlich von Hetzel und seiner Gruppe organisiert wurde, fand 2025 erstmals nicht unter dem Label RMSA statt. Seitdem eskaliert der interne Streit und Hetzel rechnet nun mit ehemaligen politischen WeggefährtInnen ab.

Die »Silvester-Demonstration« in Aschaffenburg, die jährlich vom Kreis um Hetzel organisiert wurde, fand 2025 erstmals nicht unter dem Label Rhein-Main-steht-auf statt. Eine der beiden HauptorganisatorInnen war die Reichsbürgerin Marika Hartmann (vorne rechts). © dokunetzwerk rhein-main

Der Bruch

Die Krise von RMSA ist seit Monaten offensichtlich. Das Label wirkte zunehmend verbraucht, die Teilnahmezahlen an den von RMSA organisierten Aufzügen gingen zurück und dem »Orga-Team«, das die Aktionen von RMSA lenkte, brachen immer mehr Personen weg.

Einige Aktive von RMSA orientieren sich zunehmend stärker am neonazistischen Spektrum und folgen beispielsweise Mobilisierungen der Partei Die Heimat (ehemals NPD). Im Gegenzug nahmen offen auftretende Neonazigruppen an den Aufzügen von RMSA teil. Auf einer Demonstration von RMSA im Februar 2025 liefen 30 Angehörige der Gruppe Der Störtrupp (DST) und weitere Neonazis mit. Zu einem RMSA-Aufzug am 3. Oktober 2025 reiste unter anderem die Neonazigruppe Aryan Peoples Resistance (APR) – übersetzt »Arischer Volkswiderstand« – aus Nürnberg an.

Um die Frage, ob diese eine Bereicherung seien oder ob deren Auftreten dem Ansehen von RMSA schaden würde, entbrannte ein Streit, der RMSA weiter entzweite. AktivistInnen wie Marika Hartmann aus Hösbach und Karin Kieckhäfer aus Kahl am Main verteidigten das Bündnis mit den Neonazis. Auch Hetzel distanzierte sich nicht von diesen, bat sie jedoch etwas zurückhaltender aufzutreten. Rhein-Main Rechtsaußen berichtete darüber ausführlich.

Der Neonazi Lars Schüssler (links mit hellbrauner Jacke) im Gespräch mit weiteren Neonazis des Aryan Peoples Resistance auf der Demonstration von RMRA am 3. Oktober 2025. © dokunetzwerk rhein-main

Ein weiterer Streitpunkt in der Gruppe war seit Herbst 2025 der Umgang mit der Alternativen für Deutschland (AfD). Die Aufzüge von RMSA waren bis dato stark von AfD-Symbolik geprägt und Hetzel war bis Juli 2025 Beisitzer im Bezirksvorstand der AfD Unterfranken. Unter anderem wegen seiner Teilnahme an einer Demonstration des APR in Nürnberg im Juli 2025 sollte er aus der Partei ausgeschlossen werden. Nur wenige Tage vor der RMSA-Demonstration am 3. Oktober verkündete er selbst seinen Austritt. Er erklärte die anstehende Demo für »parteifrei« und untersagte das Mitführen von Fahnen mit AfD-Logo. Jedoch waren auf dem Aufzug Plakate, Fahnen und Kleidung der AfD zu sehen. Selbst der stellvertretende Versammlungsleiter Sven Müller aus Groß-Umstadt (Lkr. Darmstadt Dieburg) trug eine Jacke mit Parteilogo. Für Hetzel war dies ein Verlust von Autorität.

Die Demonstration von RMSA am 3. Oktober 2025 wurde von Organisator Michael Hetzel (rechts) für »parteifrei« erklärt. Trotzdem trug der stellvertretende Versammlungsleiter Sven Müller eine Jacke mit Parteilogo. © dokunetzwerk rhein-main

Zudem ging im Sommer 2025 Hetzels Beziehung in die Brüche und er musste aus dem gemeinsamen Haus in Niedernberg (Lkr. Miltenberg) ausziehen. Seine damalige Partnerin wollte seine politischen Umtriebe nicht länger hinnehmen, zumal sich auch in Niedernberg antifaschistische Aktionen gegen Michael Hetzel richteten. Im Juli 2025 zog er nach Breuberg im hessischen Odenwaldkreis. Doch auch an seiner neuen Adresse wurde er schnell in der Nachbarschaft geoutet. Hetzel selbst erzählt, dass es Beschädigungen an seinem PKW gegeben habe.

Im Herbst 2025 erklärte Hetzel, die Aktivitäten von RMSA bis zum Jahreswechsel vorübergehend einzustellen, da er keine Lust mehr habe, sich mit »der Antifa« herumzuschlagen. Wenige Tage später startete er jedoch die Mobilisierung für die »Silvester-Demonstration« in Aschaffenburg. Am 2. Dezember sagte er die Demonstration überraschend wieder ab, angeblich, weil er gewalttätige Übergriffe aus dem linken Spektrum befürchte.

Mitte Dezember wurde über Telegram erneut für den Aufzug am 31. Dezember in Aschaffenburg mobilisiert. Doch fehlte jeder Hinweis auf RMSA, stattdessen hieß es, die Demonstration sei von »zwei Privatpersonen« angemeldet worden und werde von einem »Team der Macher« organisiert. Dahinter verbergen sich Marika Hartmann und Kamil Asiltürk aus Hanau aus dem »alten« Führungskreis von RMSA.

Hetzel reagierte stinksauer und vermeldete in einer Videobotschaft, dass er mit der Demonstration nichts zu tun habe und sich ausdrücklich von ihr distanziere. Er wolle sich »nicht mehr mit der Antifa rumärgern«, doch habe sich der restliche Teil von RMSA über seinen Wunsch hinweg gesetzt. Daher habe er die Gruppe nun aufgelöst. Am Ende des Videos sagt er voller Häme: »An die liebe Antifa: Ab jetzt könnt ihr euch an die Marika wenden.«

Die »Silvester-Demonstration« 2025 in Aschaffenburg

Weder links noch rechts? Gruppe auf der »Silvester-Demonstration« am 31. Dzember 2025 in Aschaffenburg. © dokunetzwerk rhein-main

Aschaffenburg am 31. Dezember 2025: Gegen 13 Uhr versammelte sich das übliche Klientel der rechten Verschwörungsszene sowie einige bekannte Neonazis auf der Großmutterwiese nahe der Aschaffenburger Innenstadt. Das Motto des Aufzugs lautete dieses Jahr »An alle, die von dieser Politik die Nase voll haben«. Doch nur 180 Personen waren dem Aufruf gefolgt, erheblich weniger als bei den »Silvester-Demonstrationen« der letzten Jahre.

Die Infrastruktur inklusive Fahrzeug und Bühnenanhänger stellte der Kreis der Klartext-Bürgerzeitung. Auf der Eröffnungskundgebung sprachen auch drei »Klartext-Leute«: Achim Weinacker, zugleich Landesvorsitzender der Partei DieBasis, Christoph Barth, die Führungsperson von Klartext, sowie der Aktivist Kai Börner.

Unter den Teilnehmenden war der bekannte Neonazi Lars Schüßler, der viele Hände schüttelte und angeregt plauderte. Marika Hartmann war in ein langes Gespräch mit Axel Schunk vertieft. Schunk ist seit den 1980er Jahren ein bundesweit bekannter Neonazi. Er war eine Führungsperson der 1984 verbotenen Wiking-Jugend (WJ) und Ziehvater zahlreicher, heute noch aktiver Neonazis, die die WJ durchliefen. (siehe dazu: Ein Neonazi unter Reservisten).

Rechts am Transparent von Aschaffenburg Steht Auf (ASA) läuft der bundesweit bekannte Neonazi und ehemalige Führungsperson der Wiking-Jugend Axel Schunk. © dokunetzwerk rhein-main

Interessant war auch, wer nicht teilnahm: Hetzels Freunde von Aryan Peoples Resistance sowie andere erlebnishungrige Neonazigruppen blieben dem Aufzug fern und ebenso die AfD-Landtagsabgeordnete Ramona Storm aus Aschaffenburg, die zum Führungskreis von RMSA zählte. Auch waren wenig Bekenntnisse zur AfD zu sehen.

Die Aufgabe, das Event auf Video festzuhalten und über Videoportale zu verbreiten, übernahm an diesem Tag der Neonazi und ehemalige NPD-Funktionär Manuel Mann aus Gladenbach (Lkr. Marburg-Biedenkopf). Mann versucht seit Monaten, sich in der Szene mit seinem YouTube-Kanal »Mein Mittelhessen« als Streamer zu etablieren. Froh über jede Aufmerksamkeit, begrüßte Barth Mann zu Beginn der Kundgebung freudig von der Bühne.

Als die Demonstration durch die Aschaffenburger Innenstadt zog, skandierte eine Gruppe im vorderen Bereich des Zuges die Parole »Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen« und trug diese auch auf einem großen Transparent vor sich her. Barth erklärte währenddessen den Passant*innen: »Wir sind weder links noch rechts.« Nur wenigen Minuten später wurde das Lied »Frei sein« von der extrem rechten Rapperin Ramona Naggert, aka »Runa«, eingespielt, die unter anderem bei der neonazistischen Rap-Crew Neuer Deutscher Standard (NDS) aktiv war. Auch eine Gruppe der neonazistischen Partei Die Heimat beteiligte sich mit einem eigenen Transparent an der Demonstration. Getragen wurde dieses unter anderem von den hessischen Heimat-Funktionären Stefan Jagsch und Daniel Lachmann.

Die »Silvester-Demonstration« verdeutlicht, dass die Resttruppe von RMSA nicht in der Lage ist, über ihre eigenen Bekanntschaften hinaus zu mobilisieren. Deren Aufzüge werden immer mehr zum Selbstzweck, zum Treffpunkt von Gleichgesinnten. Die wiederum zeigen sich über den geringen Zulauf enttäuscht und motivieren sich darüber, dass die Videos des Events auf YouTube ein paar tausend Aufrufe erhalten. Karin Kieckhäfer ergriff am Ende der Demonstration das Mikrofon, um sich bei den OrganisatorInnen Marika Hartmann und Kamil Aslitürk zu bedanken, die kurzfristig eingesprungen seien. Beide hätten die »Courage« gezeigt, »das Ganze wegen der Antifa nicht sterben zu lassen«. Kamil Aslitürk kündigte an, dass man weiter machen wolle. Das überrascht nicht. Denn viele AktivistInnen haben sich in ihren privaten Lebensbereichen so weit isoliert, dass diese Aufzüge für sie als soziale Treffpunkte nahezu unentbehrlich sind.

Hetzels Abrechnung

Als die (AfD)-Welt noch in Ordnung war: Michael Hetzel und Marika Hartmann stellen sich am 1. Februar 2025 bei einer AfD-Veranstaltung in Neu-Isenburg mit einem Transparent vor Antifaschist*innen auf. © dokunetzwerk rhein-main

Michael Hetzel meldete sich zu Beginn des neuen Jahres in zwei Videobotschaften zu Wort. Darin wettert erüber den angeblichen Verrat seiner ehemaligen politischen WeggefährtInnen. Er zerschneidet das Tischtuch zwischen sich und den Resten von RMSA derart, dass fraglich erscheint, ob dieses in Zukunft wieder geflickt werden kann.

Hetzel bekräftigt im Video, RMSA sowie deren Kanäle bei Telegram und in den sozialen Medien aufzulösen. Die Gruppe hätte auf ihn als »Chef« hören und die Silvester-Demonstration absagen müssen. Stattdessen habe man sich über ihn hinweggesetzt und den Eindruck erweckt, als sei er nach wie vor für die Organisation der Versammlung verantwortlich. Dadurch sei er erneut in den Fokus »der Antifa« gerückt. Dies sei »eine Schweinerei«. An seinen ehemaligen MitstreiterInnen lässt er kein gutes Haar. Mit Genugtuung kommentiert er, dass Marika Hartmann nun auch ins Visier »der Antifa« geraten sei.

In Fahrt gekommen lästert er darüber, dass große Teile von RMSA nur noch aus Tradition auf die Straße gehen und die Demonstrationen immer mehr zu »persönlichen Partys« verkommen würden. Er sei jedoch kein »Traditionsdemonstrant«, sondern wolle wirklich etwas bewegen. Er beklagt, dass die Szene von SelbstdarstellerInnen geprägt sei, die sich »in den Vordergrund heben« würden. Sich selbst nimmt er davon aus. Denn er habe sich nie auf die Bühne gedrängt, sondern sei im Hintergrund geblieben. Zwar habe er seine enorme Social-Media-Präsenz, doch »ist das etwas ganz anderes«.

Insbesondere Christoph Barth bekommt sein Fett weg. Die vom Klartext-Kreis organisierten wöchentlichen »Friedensmärsche« in Frankfurt bezeichnet Hetzel als »lächerliches Spiel«, bei dem »nicht einmal 50 Leute rum rennen« würden. Barth sei ja »schon immer Querdenker gewesen – mit Herzchen und so einer Scheiße«. Dass Barth ihm nun in den Rücken falle, hätte er nicht gedacht. Deswegen seien dies auch seine »letzten Worte« an Barth. Er werde ihn und andere seiner ehemaligen WeggefährtInnen in seinem Messenger von nun an blockieren.

Wie geht es nun weiter?

Hetzels Zornesrede zeigt einmal mehr, wie gering seine Impulskontrolle und Frustationstoleranz ist. Er duldet keinen Widerspruch und empfindet es als Kränkung, wenn jemand nicht nach seiner Pfeife tanzt. Er hat enormes Sendungsbewusstsein und teilt seine Gedanken oft ungefiltert und unüberlegt mit der Kamera und seinen FollowerInnen in den sozialen Netzwerken. Bereits in der Vergangenheit zeichnete er sich durch Sprunghaftigkeit aus. Immer wieder kündigte er an, alles hinzuschmeißen, nur um dann ein paar Tage später zu erklären, dass er jetzt erst recht weiter machen werde. Doch dieses Mal ist das Zerwürfnis mit seinem bisherigen politischen Umfeld tiefgehend.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich Hetzel politisch zurückziehen wird. Zwar gibt er an, in Zukunft mehr Zeit mit seinem Sohn verbringen und diesen schützen zu wollen. Doch er betont, dass er auch weiterhin politisch aktiv sein werde. Wo und wie lässt er offen.

Eine Mäßigung seiner politischen Positionen ist nicht zu erkennen. Im Gegenteil: Seine Gewaltdrohungen gegenüber »der Antifa« erklingen immer rabiater. So sagt er in einer Botschaft im Januar: »Denen schlage ich die Fresse ein, wenn ich sie treffe. Wenn ich hier irgendwann mal einen bei mir erwische, den mache ich kaputt.« In einem Video, das im Dezember 2025 in den sozialen Medien veröffentlichte wurde, beklagt er, dass es beim Thema Holocaust keine Meinungsfreiheit gebe – Zitat: »Warum darf man, wenn’s um den Holocaust geht, nicht seine eigene Meinung haben und der Meinung sein, dass die Geschichte vielleicht doch nicht so ist, wie man uns erzählt.«

In einem Video wirft Michael Hetzel seinen ehemaligen MitstreiterInnen vor, gegen seinen Willen neue Chatgruppen und Kanäle unter dem Label Rhein-Main-steht-auf eröffnet zu haben. Klartext-Macher Christoph Barth widerspricht. Screenshot: Instagram, Telegram

Wo Hetzel in der Zukunft Politik machen wird, lässt sich derzeit noch nicht erkennen. Auch der Streit um das Label RMRA scheint noch nicht beendet. Nachdem Hetzel die Chatgruppen von RMSA wie angekündigt gelöscht hat, tauchten auf Telegram Anfang Januar neue Gruppen und Kanäle unter diesem Namen auf. Hetzel beschuldigte daraufhin Hartmann und Barth, das Label gegen seinen Willen übernommen zu haben. Es bleibt offen, ob der Streit noch weiter eskalieren wird.