Letzte Station AfD

Die politische Irrfahrt des Christian Steidl

Zu den bevorstehenden Kommunalwahlen kandidiert Dr. Christian Steidl aus Münster (Landkreis Darmstadt-Dieburg) gleich zweimal für die Alternative für Deutschland (AfD). Im bayerischen Landkreis Miltenberg tritt er am 8. März zur Landratswahl an und in Darmstadt-Dieburg steht er auf Listenplatz 9 der AfD zur Kreistagswahl am 15. März. Steidl ist ein exponierter Vertreter der rechten Verschwörungsszene und Leugner der Fakten des Klimawandels. Seit vielen Jahren schon wandert er zwischen konservativen und extrem rechten Milieus. Nun ist er in der AfD angekommen.

Die politische Reise von Christian Steidl begann in der Christlich-Sozialen Union (CSU) in Erlenbach im Landkreis Miltenberg. Er schreibt, er sei 1987 im Alter von 14 Jahren der Jungen Union und dann 1989 der CSU beigetreten. Für diese hatte er in den folgenden 35 Jahren etliche Ämter und Funktionen auf Orts- und Kreisebene inne. Unter anderem saß er für sie von 2002 bis 2016 im Stadtrat von Erlenbach und von 2008 bis 2016 im Kreistag Miltenberg.

Christian Steidl (Bildmitte) spricht in jedes Mikrofon, das ihm hingehalten wird. Hier am 21. Januar 2026 auf dem »Neujahrsempfang« der AfD in Darmstadt. © dokunetzwerk rhein-main

Steidl zählte zum Rechtsaußen-Flügel der CSU. Auf dem »Deutschlandkongress« der Unions-Parteien im September 2016 in Würzburg forderte er die Ablösung der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgrund ihrer Migrationspolitik. Wegen seiner ständigen Stänkereien gegen die Unions-Spitze verpasste ihm die CSU einen Denkzettel, indem sie ihn 2020 bei den bayerischen Kommunalwahlen nicht nominierte.

Radikalisierung nach Rechtsaußen

Laut eigenen Angaben schloss sich Steidl 2017 dem Verein WerteUnion e.V. an, um »die Unionsparteien wieder stärker christlich-abendländisch und wertkonservativ auszurichten« (Homepage von Christian Steidl, 2023). Er wurde Beisitzer im Bundesvorstand des WerteUnion-Vereins sowie Mitglied des bayerischen Landesvorstands. Nachdem er Ende 2019 von Erlenbach nach Münster verzog, wurde er im hessischen Landesvorstand aktiv. Auch schreibt er, er habe er den »Arbeitskreis Umwelt und Energie« der WerteUnion geleitet.

Ab 2020 radikalisierte sich Steidl in den Corona-Protesten bzw. in der rechten Verschwörungsszene, die aus diesen Protesten hervorging. Er sprach auf etlichen Aufzügen der Szene, leugnete die Gefahren des Corona-Virus, erzählte Schauergeschichten über Impfungen und agitierte unverhohlen gegen die »Systemparteien«. Im CSU-Kreisverband Miltenberg durfte er dennoch weiter mitspielen, noch im Ok­tober 2021 bekleidete er einen Vor­standspos­ten in einem regionalen CSU-Ar­beits­k­rei­s. Erst als im November 2021 die regionale Tageszeitung Main-Echo über Steidl berichtete (»Erlenbacher CSU-Mann ein Coronaleugner? Heftige Debatte um Steidl«) und die CSU mit Aussagen von ihm konfrontierte, forderte ihn der Kreisverband auf, seine Parteimitgliedschaft zu überdenken. Doch es wurde kein Parteiausschlussverfahren eingeleitet und er blieb bis 2025 CSU-Mitglied.

Die sogenannte »Heldengalerie« ist eine Inszenierung der rechten Verschwörungsszene. In einem Akt grotesker Selbsterhöhung hängen ProtagonistInnen der Szene ihre Fotos an eine Leine und stilisieren sich darüber zu »Helden des Corona-Widerstands«. Hier das Foto von Christian Steidl bei einer Aktion der »Heldengalerie« am 25. Mai 2024 auf dem Frankfurter Paulsplatz. © Rhein-Main Rechtsaußen

Im Februar 2024 gründete sich die WerteUnion als Partei. Christian Steidl dürfte es als Demütigung empfunden haben, dass ihm die Aufnahme in die Partei verweigert wurde. Anfang 2025 trat er aus der CSU aus und schloss sich nachfolgend der AfD an. Seine Kandidatur für die AfD zu den Kommunalwahlen im März war vorauszusehen. Fraglich ist indes, wie er, sollte er in Hessen und Bayern gewählt werden, beide Ämter gleichzeitig ausfüllen wird.

In der rechten Verschwörungsszene

Lokalpolitiker sind in der Regel umtriebige Vereinsmeier, so auch Christian Steidl. Noch vor wenigen Jahren gab er an, im Skiclub, im Tischtennisverein und als Büttenredner beim Fasching aktiv zu sein. Bis 2016 war er Vorsitzender des Kreisjugendring Miltenberg und Vorsitzender eines katholischen Pfarrgemeinderates in Erlenbach. Im Kreisverband Miltenberg der Bayerischen Sportjugend hatte er sogar bis Oktober 2023 den Vorsitz inne, dann stellte er seinen Posten zur Verfügung, weil er längst in Hessen wohnte.

Seit 2022 fällt Steidl in Vereinen der rechten Verschwörungsszene auf. Sein Hauptaugenmerk galt dabei ElternStehenAuf e.V. (ESA). Der Verein gründete sich 2020 und vertritt ein reaktionäres Familien- und Geschlechterbild. Er beteiligt sich an der Organisation verschwörungsideologischer Aufzüge und präsentiert sich auf Veranstaltungen mit Informationsständen. Seine Veröffentlichungen sind geprägt von antifeministischen und LGBTQ-feindlichen Standpunkten, vom Schlagwort der angeblichen »Frühsexualisierung« sowie von rassistischer Hetze (»Wie nah kann ein Flüchtlingscontainer an einer Schule sein?«). Christian Steidl war erster Vorsitzender von ESA von Juni 2022 bis Dezember 2024. Dann schied er nach internen Streitereien aus. Auch ein weiterer ehemaliger ESA-Aktivist ist mittlerweile in der AfD angekommen: Sven Trautmann aus Darmstadt, der neben Steidl von 2022 bis 2024 stellvertretender Vorsitzender von ESA war, kandidiert bei der Kommunalwahl 2026 in Darmstadt für die AfD.

Christian Steidl auf einem Aufzug der rechten Verschwörungsszene am 22. Oktober 2022 in Frankfurt mit einer Werbebroschüre von ElternStehenAuf © dokunetzwerk rhein-main

Seit November 2024 ist Christian Steidl Vorstandsmitglied des Vereins 1bis19 – Initiative für Grundrechte und Rechtsstaat e.V. mit Sitz in Berlin. Auch dieser Verein war 2020 aus den »Corona-Protesten« hervorgegangen. Zu seiner Hochzeit hatte er mehrere hundert Mitglieder, doch sinkt die Zahl kontinuierlich. Nach Angaben auf seiner Mitgliedsversammlung im Oktober 2025 hat 1bis19 derzeit nur fünf Aktive in ganz Hessen. Steidl dürfte hier nur ein Resteverwalter sein.

Bei Veranstaltungen der rechten Verschwörungsszene ist Steidl oft dabei. Regelmäßig nimmt er an den Aufzügen der Szene am Hambacher Schloss teil, die stark durch die Reichsbürger-Szene geprägt sind.

Gegen Gender und Islam

Schon auf dem Parteitag der CSU im November 2016 stellte Christian Steidl etliche Anträge, die sich gegen Genderpolitik und Islam richteten. Er forderte unter anderem, alle Gender-Lehrstühle an deutschen Hochschulen abzuschaffen und echauffierte sich darüber, dass ein Werbeclip des Fernsehsenders Pro7, der um Toleranz für das Tragen des Kopftuches von muslimischen Frauen warb, von der UNESCO unterstützt wurde. Als Konsequenz solle Deutschland keine Beiträge mehr an die UNESCO zahlen, »solange sie Kampagnen unterstützt, die darauf zielen, unsere Leitkultur zu zerstören.«

»Wer profitiert sonst noch von Gendern außer die Pädophilen?«, Rede von Christian Steidl auf der
»Familien-Schutz-Demo« am 12. November 2023 in Aschaffenburg. Quelle: YouTube

Die Themen Gender- und Gleichstellungspolitik prägten in den vergangenen Jahren immer stärker sein Denken. In einem Bewerbungsvideo für den Bundesvorstand der WerteUnion von 2021 redet er von »Gender-Gaga« als eine »Ideologie, die unsere Kinder missbraucht«. Als Redner auf den rechten »Familien-Schutz-Demos« 2023 in Aschaffenburg schwadronierte er über einen angeblichen Zusammenhang von Genderpolitik, Familienschutz und Klimapolitik. Seiner verqueren Logik zufolge seien die Maßnahmen zum Klimaschutz nur ein Vorwand, um die Weltbevölkerung zu reduzieren. Teil des Plans sei es auch, die traditionelle, auf Fortpflanzung ausgerichtete, Familie zu zerstören. Von dort spannte er den Bogen zu »Frühsexualisierung«, Transgeschlechtlichkeit, Homosexualität und Kindesmissbrauch und richtete schließlich die Frage ans Publikum: »Wer profitiert sonst noch von Gendern außer die Pädophilen?«

»Plandemie« und »Klimalüge«

Als studierter Biochemiker glaubt Steidl, Experte für alles zu sein, was mit Impfungen und Infektionskrankheiten zu tun hat. Er spricht von einer »AIDS-Lüge« und davon, dass ein Medikament namens AZT die AIDS-Epidemie ausgelöst habe. Mit dieser Behauptung trat er unter anderem im Januar 2024 in der Sendung »40 Jahre Anti-Viren-Kampf: Von der AIDS-Lüge bis zur Corona-Fake-Pandemie« im verschwörungsideologischen Kanal Klardenken TV auf.

In einem Artikel in der Zeitschrift Der Kritische Blick der Anwälte für Aufklärung (Nr. 4, Dezember 2022) schreibt er, dass die Spanische Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit circa 50 Millionen Menschenleben forderte, tatsächlich eine »umdefinierte Impfkatastrophe« gewesen sei. Damit greift er eine Verschwörungserzählung auf, wonach die meisten Menschen nicht an dem Grippevirus gestorben seien, sondern an einem Impfstoff, der ihnen verabreicht wurde – auch dieser Mythos ist widerlegt.

Ausschnitt aus dem Artikel von Christian Steidl in Der Kritische Blick der Anwälte für Aufklärung Nr. 4, Dezember 2022. Das Foto zeigt ihn an einem Informationsstand von ElternStehenAuf auf einem rechten Netzwerktreffen am 29. Oktober 2022 in Erlangen.

In seinem Artikel in Der Kritische Blick schreibt er konsequent von einer Corona-»Plandemie«. Am 3. Januar 2022 sprach er auf einem Corona-Protest in Aschaffenburg davon, dass die Corona-Pandemie auf einer Tagung des Weltwirtschaftsforums »vorab durchexerziert« worden sei und dass durch einen »planetarischen Staatsstreich« eine »Tyrannei der Neuen Weltordnung errichtet werden« solle. Auch verbreitet er die falsche Information, dass es in der Pandemie keine Überlastung der Krankenhäuser gegeben habe.

Seit vielen Jahren bestreitet Steidl die Fakten des Klimawandels. Zu diesem Thema ist er als Vortragsredner unterwegs. Den menschengemachten Klimawandel bezeichnet er als »erfundene Katastrophe« und »Klimalüge«. Er behauptet, dass der Klimawandel im Wesentlichen durch »sich ändernde Sonnenfleckenzyklen« bestimmt würde und der Anstieg des CO2 in der Atmosphäre eine Folge der Sonnenaktivitäten sei. 2019 veröffentlichte er dazu das Traktat »Die CO2-Schwindelei«.

In seinen Äußerungen zum Klimaschutz spart Steidl nicht mit verschwörungsideologischen Ausflügen. Es sagt, es sei geplant, eine Klima-Diktatur zu errichten. Am 9. November 2025 kommentiert er auf der Facebook-Seite des AfD-Kreisverbands Miltenberg: »Ich habe den Klimaschwindel früher auch mal geglaubt. Es ist eine professionelle Kampagne. Aber nachdem sich nun die Horrorprognosen wiederholt nicht erfüllt haben, muss doch inzwischen jeder merken, dass wir hinters Licht geführt wurden.«

Werbung der AfD für Landratskandidaten Christian Steidl im Januar 2026 auf der Facebookseite der AfD Miltenberg.

Von den Konservativen aussortiert

Christian Steidl ist das Beispiel eines Rechtskonservativen, der in der CSU in Unterfranken viele Jahre lang gut aufgehoben war und der seine Welt, seine Ordnung zunehmend in Auflösung sieht. Gleichstellungs- und Diversitätspolitik, Migration, Klimaschutz-Maßnahmen und Einschränkungen während der Corona-Pandemie – das alles empfindet er als Angriff auf seine Lebensart, die keine andere Wahrheit zulässt als die eigene. Personen wie Steidl gibt es in diesem Land zu Hunderttausenden.

Die Konservativen stellten ihn aufs Abstellgleis und nicht einmal die WerteUnion wollte ihn mehr haben. In der AfD hingegen hinterfragt man ihn nicht, sondern streichelt sein Ego und freut sich darüber, einen erfahrenen Lokalpolitiker als Kandidaten präsentieren zu können. Und für Christian Steidl bietet die AfD womöglich die letzte Chance, noch einmal auf die politische Bühne zu treten.