Geschäfte mit Angst und Gold

Lässt keine Möglichkeit aus, vor einer Kamera zu stehen: Markus Krall (links) beim einer Veranstaltung der Atlas-Initiative am 1. November 2025 in Fulda. Neben ihm Benjamin Mudlack vom Vorstand der Atlas-Initiative sowie Joana Cotar vom Javier Milei Institut für Deregulierung in Europa. Quelle: YouTube

Der Crash-Prophet Markus Krall und seine Atlas-Initiative

Teil 6 der Artikelserie »Vorwärts in die Sklaverei, Proprietarismus im Aufwind«

Markus Krall ist einer der bekanntesten rechten Crash-Propheten im deutschsprachigen Raum.
Der stern bezeichnet ihn als »verbindendes Element innerhalb der rechtsextremen Szene zwischen libertären, faschistischen und fundamental-christlichen Gruppierungen.« Seine Plattform ist die Atlas-Initiative, die er 2018 in Frankfurt gründete und die dort ihren Sitz hat. Am Beispiel der Atlas-Initiative wird die moralische Verkommenheit derer offenbar, für die das Geldverdienen über allem steht.

Über Markus Krall haben Magazine wie stern, Süddeutsche Zeitung und Die Zeit in den vergangenen Jahren ausführliche Artikel veröffentlicht. Denn er hat ein überbordendes Sendungsbewusstsein und liebt die Provokation. Während sich andere Crash-Propheten um ein seriöses Auftreten bemühen, nährt er sich vom Image, stets auf Krawall gebürstet zu sein. Seine Atlas-Initiative veröffentlicht In ihrem YouTube-Kanal laufend Sendungen, in denen er aktuelle politische Geschehnisse aus seiner Sicht erklärt.

Der gebürtige Aschaffenburger, Jahrgang 1962, zog 2024 von Frankfurt in die Schweiz. Er ist promovierter Volkswirt und verdient sein Geld hauptsächlich mit dem Handel von Edelmetallen und der Anlageberatung. Eines seiner Hauptprojekte ist die Verkaufsplattform GoldRevolution. Von 2019 bis Ende 2021 war er Sprecher der Geschäftsführung der Degussa Sonne/Mond Goldhandel GmbH.

Bis 2012 gehörte Krall der CDU an. Danach bewegte er sich in Kreisen der AfD, schloss sich 2023 der WerteUnion an und trat für diese als Sprecher in Wirtschaftsfragen auf. Im Jahr 2024 verließ er die WerteUnion wieder und wurde Mitglied der weitgehend bedeutungslosen Rechtspartei Bündnis Deutschland.

In der rechten Szene gilt er als ein teamunfähiger Selbstdarsteller. Als er dem Bündnis Deutschland (BD) beitrat, platzte die bereits beschlossene Fusion des BD mit der Partei Wir Bürger. Der SPIEGEL zitiert aus einer E-Mail des Bundesvorsitzenden von Wir Bürger, Jürgen Joost, in der dieser die Aufnahme von Krall als »absolutes No-Go« bezeichnet, da Krall »ein nicht kontrollierbarer Egomane« sei, »der das Potenzial hat, jede nicht gefestigte junge Partei zu zerstören«. Zudem sei er wegen seiner Verbindungen in die Reichsbürgerszene »inhaltlich höchst problematisch«.

Zu diesem Zeitpunkt war bekannt, dass die Gruppe des Reichsbürgers Heinrich XIII. Prinz Reuß, die einen Staatsstreich geplant hatte, Krall zeitweise als Finanzminister ihres neuen Staates vorgesehen hatte. Mindestens zweimal hatte sich Krall mit Reuß und seinen Getreuen getroffen und er soll für die Gruppe Eckpunkte einer neuen »Verfassung für Deutschland« ausgearbeitet haben. Als die Reuß-Gruppe im Dezember 2022 in einer Razzia hochgenommen wurde, wurde auch Kralls Wohnung im Frankfurter Westend durchsucht.

Es ist nicht nachvollziehbar, warum Krall in den Ermittlungen zur Reuß-Gruppe stets nur als Zeuge geführt wurde und nicht als Beschuldigter. Auch wenn er wohl nicht zum inneren Zirkel der Gruppe gehörte und Reuß ab Herbst 2022 Abstand von ihm nahm. ZEIT ONLINE schreibt dazu: »In einem Gespräch zwischen Prinz Reuß, der allerlei Verschwörungsideologien anhängt, und einem seiner Vertrauten, der von sich behauptet, übersinnliche Fähigkeiten zu haben, kam man nach Informationen von ZEIT ONLINE schließlich überein, dass Krall verrückt sei. Er solle in Zukunft allenfalls beratend tätig werden.« (ZEIT ONLINE, »Der Crash-Prophet und die Putschisten«, 05.05.2023)

Markus Krall als Welterklärer am Stand der rechten Zeitung Junge Freiheit auf der Frankfurter Buchmesse am 20. Oktober 2023. Die Kamera links führt Marco Pino. © ASVI

Der Traum von einer »Meritokratie«

Am 21. August 2020 wurde Markus Krall in Lübeck die »Roland Baader-Auszeichnung« verliehen. Die Auszeichnung erinnert an den 2012 verstorbenen proprietarischen Publizisten Roland Baader und wird vom Institut für Austrian Asset Management (IfAAM) vergeben. Das IfAAM ist eine von vielen Organisationen des Proprietarismus. Es verlegte im Jahr 2022 seine Adresse von Hamburg nach Ungarn, ins Land des damals regierenden Viktor Orbán, in dem Krall das »wahrscheinlich freieste Land Europas« sah.

In seiner Rede »Vision einer Republik der Freiheit«, die er an diesem Abend hielt, äußert Krall seine Verachtung für die Demokratie, die er abfällig als Ochlokratie (griechisch Óchlos = Masse, Pöbel) bezeichnet. Er plädiert stattdessen für eine Meritokratie. Damit meint er die Herrschaft derer, die Leistungen erbracht und somit Verdienste (Meriten) erworben haben. Der Begriff stammt aus dem im Jahr 1958 erschienenen Roman »Rise of the Meritocracy« des britischen Soziologen Michael Young. Darin zeichnet Young die Auswüchse einer radikalen Leistungsgesellschaft, in der sich die politische Position eines Menschen nach dessen »Leistung« bemisst. Eine selbsternannte Elite von Leistungsträger*innen übt eine diktatorische Herrschaft aus, die die Demokratie und am Ende sich selbst zerstört. Was Young als Dystopie beschrieb, ist Kralls Vision. In seiner Rede sagt er:

»Meritokratie, also die Herrschaft der Verdienstvollen, ist das große Zauberwort. Die Gegner einer solchen Idee behaupten gerne, dies würde auf eine Wiederbelebung des Dreiklassenwahlrechts des 19. Jahrhunderts hinauslaufen. Das ist natürlich Unsinn, denn ein Klassenwahlrecht ist genau das Gegenteil des meritokratischen Prinzips. Unser gegenwärtiges Wahlrecht hingegen ist die Manifestation des Satzes, dass vier Wölfe und ein Schaf darüber abstimmen, was es zum Abendessen gibt. Das ist doch der Ausdruck der Ochlokratie. Diese Einsicht führt uns zum ersten Element eines freiheitlichen Utopia. Es wählt, wer beiträgt, nicht, wer entnimmt. Und das bedeutet, das Wahlvolk, die atomisierte Souveränität, besteht aus denen, die keine Transfers des Staates in Anspruch nehmen, weder in Form von Sozialtransfers noch von Subventionen. Wer von anderer Leute Fleiß und Mühe lebt ist unmündig, und wer unmündig ist, wählt nicht.«

Wenige Sätze später wird er geradezu zynisch:

»Aber jeder ist frei und aufgefordert, sich für das Wahlrecht und gegen die Unmündigkeit des transferfinanzierten Lebens zu entscheiden. Er kann das in jeder Wahlperiode aufs Neue tun und somit bleibt das Wahlrecht auch allgemein.«

Des Weiteren schlägt er die Einführung einer vierten Gewalt in Form eines Wahlkönigs vor. Dieser soll vom Volk auf Lebenszeit gewählt werden und habe über die Einhaltung der »freiheitlichen Ordnung« zu wachen.

Die Rede von Krall, die der Soziologe Andreas Kemper bereits im September 2020 analysierte, fand ein breites Echo. Und doch wurde Krall immer wieder von Wirtschaftsvereinen eingeladen, wie zum Beispiel im September 2021 vom FDP-nahen Wirtschaftsclub Rhein-Main zu einem Vortrag im Ballsaal des Frankfurter Luxushotels Sofitel Frankfurt Opera.

Vergabe der »Roland-Baader-Auszeichnung« an Markus Krall (rechts) am 21. August 2020, Links im Bild Steffen Krug, Leiter des Instituts für Austrian Asset Management (IfAAM), das diese Auszeichnung vergibt. Quelle; YouTube

»Finanzgurus« der rechten Verschwörungsszene

Der Crash-Prophet Max Otte (der im fünften Teil dieser Artikelserie Thema war) und Markus Krall arbeiten seit vielen Jahren zusammen. Sie waren zeitgleich in der WerteUnion engagiert und traten 2024 gemeinsam aus, als sich die WerteUnion gegen die AfD positionierte. Beide sind häufig Co-Referenten auf zwielichtigen Finanzveranstaltungen. Auf ihren YouTube-Kanälen führen sie miteinander Gespräche.

Während sich Otte zu verschwörungsideologisch aufgeladenen Themen eher in Andeutungen ergeht, poltert Krall munter drauf los. Für ihn ist CoViD-19 eine »aufgeblasene Grippe«, die Corona-Pandemie sei vorgetäuscht worden, und die Corona-Schutzimpfung sei ein »Genexperiment an Millionen«. Er leugnet die Fakten des menschengemachten Klimawandels und hielt dazu Vorträge. Dabei wurde ihm nachgewiesen, dass er Grafiken völlig falsch interpretiert und von Klimawissenschaft keine Ahnung hat.

Mit einem Beitrag auf X (ehemals Twitter) blamierte sich Markus Krall im Dezember 2022. Er behauptete, anhand einer Grafik die Temperaturentwicklung der vergangenen 9.500 Jahre aufzeigen zu können. Damit wollte er beweisen, dass es zu früheren Zeiten wärmer war als heute. Die Grafik stellt jedoch die Ergebnisse eines Bohrkerns im grönländischen Eis dar, aus denen sich die Entwicklung der globalen Durchschnittstemperatur nicht herauslesen lässt. Zudem endet der Zeitstrahl im Jahr 1885, also zu einem Zeitpunkt, zu dem der menschengemachte Klimawandel gerade erst begann.. Siehe auch: »Crash-Prophet« Markus Krall blamiert sich mit gefälschter Klima-Grafik, Volksverpetzer, 09.01.2023 

Otte und Krall treten im Kontext der rechten Verschwörungsszene sowie der Reichsbürgerszene auf. So rief Max Otte 2018 das »Neue Hambacher Fest« ins Leben, das ab 2020 von der rechten Verschwörungsszene weitergeführt wurde. Im Jahr 2023 hielt Krall als Hauptredner an der Seite des Querdenken-Funktionärs Michael Ballweg eine Rede auf einer Kundgebung der Szene am Hambacher Schloss.

Dabei wird die Doppelzüngigkeit des Markus Krall deutlich. Er inszeniert sich für diese Szene als Friedensaktivist und kritisiert Waffenlieferungen in die Ukraine. Seinen KundInnen hingegen empfiehlt er die Investition in Rüstungsaktien, die krisenfest seien und Profit erwirtschaften.

Für die rechte Verschwörungsszene sind Otte und Krall wertvoll, da sie als promovierte Ökonomen und Bestsellerautoren eine scheinbare Seriosität vermitteln. Sie übersetzen das diffuse Gefühl der Verschwörungsgläubigen, wonach das ganze System faul sei, in eine pseudowissenschaftliche, wirtschaftliche Sprache. Für die beiden wiederum erschließt sich in dieser Szene, die von Selbstständigen und einem gut situierten Mittelstand geprägt ist, ein großes Publikum für ihre Bücher und Finanzprodukte.

Am 28. Mai 2023 wurde bei einer Veranstaltung der rechten Verschwörungsszene am Hambacher Schloss dem Querdenken-Gründer Michael Ballweg ein »Demokratiepreis« im Wert von 10.000 Euro verliehen. Spender des Preisgeldes war Markus Krall in Namen der Atlas-Initiative. In seiner Rede nannte Krall die Corona-Pandemie eine »Corona-Fatamorgana« und er behauptete, die Übersterblichkeit in der Pandemie sei auf die Corona-Schutzimpfung zurückzuführer. Im Bild v.l.n.r.: Michael Ballweg, Wolfgang Kochanek, Markus Krall. Quelle: YouTube

Die Atlas-Initiative

Im Jahr 2018 entstand um Markus Krall die Atlas-Initiative. Dabei handelt es sich um zwei Vereine: Die Atlas – Initiative für Recht und Freiheit e.V. wurde am 27. Mai 2018 gegründet, die Atlas – Förderung der Initiative für Recht und Freiheit e.V. am 22. August 2018. Die beiden Vereine haben dieselben sieben Gründungsmitglieder. Der Sinn der formalen juristischen Trennung in zwei Vereine dürfte darin bestehen, dass der als gemeinnützig anerkannte »Förderverein« (steuerbegünstigt) Mitgliedsbeiträge und Spenden einsammeln sowie Erwachsenenbildung betreiben kann. Nach eigenen Angaben hat er über 4.000 Mitglieder. In einigen Regionen bildet die Atlas-Initiative »Sektionen«, die Stammtische und Veranstaltungen organisieren.

Der Name leitet sich vom Roman »Atlas Shrugged« der US-amerikanischen Schriftstellerin Ayn Rand ab, der eine Art Bibel des proprietaristischen Milieus ist.

Die Atlas-Initiative ist eine Propaganda- und Kampagnenorganisation des Proprietarismus. Sie sieht sich im Kulturkampf gegen links und für abendländische Werte. Bei Protesten auf der Straße tritt sie nur selten mit eigenen Transparenten auf. Doch sie füllt ihren YouTube-Kanal beständig mit Propagandavideos, die aufgrund der Auftritte von Krall hohe Zugriffszahlen aufweisen. Zudem veranstaltet sie Events, die insbesondere dazu dienen, Krall die Bühne zu bereiten. So lud sie im September 2024 zusammen mit anderen proprietaristischen Gruppen zu einem »Bürgergipfel« mit 1.000 Teilnehmenden in Stuttgart ein.

Seltene Auftritte. Aktive der Atlas-Initiative mit Transparent auf einem Protest von Landwirt*innen am 8. Januar 2024 in Berlin. Quelle: YouTube

Seit 2024 findet jährlich ein »Fest der Freiheit« der Atlas-Initiative in Fulda statt, zu dem mehrere hundert Personen anreisen. Dort vergibt die Initiative den »Jungen Freiheitspreis«, den 2024 Daniele Ganser und 2025 der extrem rechte YouTuber Leonard Jäger (»Ketzer der Neuzeit«) erhielten.

Im April 2024 startete die Atlas-Initiative die Kampagne »Wahlen in Gefahr«, in der sie den Eindruck erweckt, die AfD sei bei den Landtagswahlen in Sachsen um Stimmen und einen Sitz im Landtag betrogen worden.

Im selben Monat veranstaltete sie zusammen mit der verschwörungsideologischen Gruppe Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie ein »Münchner WHO-Symposium«, auf dem neben Markus Krall und Roland Tichy bekannte Personen aus dem Spektrum der Corona-Leugnung auftraten.

Ein Blick auf die Beiträge des YouTube-Kanals offenbart ein breites rechtes Spektrum, das dort für oder gar im Namen der Atlas-Initiative auftritt. So trug die extrem rechte YouTuberin Naomi Seibt im Mai 2021 im Gespräch mit dem Atlas-Vorstandsmitglied Benjamin Mudlack Falschbehauptungen zum Klimawandel vor, die sie aus der Filterblase der Leugner*innen des menschengemachten Klimawandels bezogen hatte. Zwei Wochen später plädierte der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen dort für eine »mittelstandsfreundlichere Politik«. Im Juni wandte sich Silke Schröder gegen die angebliche »ungeregelte Massenmigration« von Menschen, »die kulturell wenig integrationsbereit und wirtschaftlich wenig beitragend« seien nach Europa. Schröder kommt aus Berlin und schreibt für das AfD-Blatt Deutschland-Kurier. Sie war Mitorganisatorin des Treffens in Potsdam am 25. November 2023, bei dem Martin Sellner von der Identitären Bewegung (IB) einem Publikum bestehend aus Mitgliedern von AfD, CDU, WerteUnion und IB einen »Masterplan zur Remigration« vorstellte.

Der YouTube-Kanal der Atlas-Initiative im Jahr 2021. Beiträge kommen u.a. vom ehemaligen Eintracht Frankfurt-Fußballer Thomas Berthold, dem FDP-Politiker Gerd Habermann, einem Vorstandsmitglied der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft, dem ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen, sowie von der YouTuberin Naomi Seibt, die von der extremen Rechte als Antipode zu Greta Thunberg (»Anti-Greta«) aufgebaut wurde. Quelle: YouTube

Der Netzwerker Hanns-Christian Salger

Während Atlas-Frontmann Markus Krall die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zieht, können andere in seinem Schatten recht ungestört wirken. Ein Beispiel ist der im März 2025 verstorbene Frankfurter Rechtsanwalt Hanns-Christian Salger. Er war ein rühriger Netzwerker im proprietaristischen Milieu und eine Schlüsselfigur der Atlas-Initiative. Doch er verzichtete auf provokative Auftritte und verlieh dem Verein so einen seriöseren Touch. Als Honorarprofessor an der Frankfurter Goethe-Universität erhielt er stets die Rückendeckung der Universitätsleitung und seines Fachbereichs Jura.

Von 2013 bis 2015 leitete Salger den AfD-Kreisverband Frankfurt. Seine Kanzlei diente auch als Kontaktadresse des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit, das den rechten Kulturkampf in der Wissenschaft und an den Hochschulen führt. Bis zu seinem Tod war er ein enger Vertrauter von Krall.

In den vergangenen Jahren waren die Vorstandsmitglieder der Atlas-Initiative immer wieder durch Firmen und Firmengeflechte miteinander verbunden, wobei Salger die Fäden zog. Erwähnenswert ist die Walter Hallstein GmbH mit Sitz in Frankfurt, die Anfang 2021 gegründet wurde. Ihre angebliche Geschäftstätigkeit, die »Vorbereitung und Abhaltung akademischer Veranstaltungen einschließlich Hochschulbetrieb«, blieb undurchsichtig. Neben Salger (bis 2025) wirkten in ihr auch die damaligen Atlas-Vorstandsmitglieder Wolfgang Mousiol (bis 2021) und Markus Ross (bis 2026) mit. Die Firma wurde im Jahr 2026 aufgelöst.

Ein weiteres Beispiel ist die Global Medical Intelligence Services GmbH, die im Sommer 2020 gegründet wurde. Geschäftsführer des Unternehmens waren Mousiol (bis 2021), Salger (bis 2022) und Ross (bis 2023). Es ist mit der Firma GMIS Privates & Professionelles PCR- und Schnelltest Institut GmbH verflochten, in deren Geschäftsführung Salger ebenfalls saß. Über die Firmen wurde mindestens ein Zentrum für Corona-Tests betrieben. Mit anderen Worten: Während sich der Atlas-Vorsitzende Markus Krall einem Milieu andiente, das die Gefahren der Corona-Pandemie leugnete und die Teststationen zu Angriffszielen erklärte, machten Kralls engste Vertraute mit diesen ungeniert ihr Geschäft.

Hanns-Christian Salger, Rechtsanwalt und Honorarprofessor für Wirtschaftsrecht an der Frankfurter Goethe-Universität, war ein rühriger Netzwerker und Geschäftsmann im proprietaristischen Milieu. Hier auf auf einem Vortrag bei der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung im Jahr 2020 in Frankfurt. Quelle: YouTube (Screenshot)

Die Anfänge der Atlas-Initiative

In ihrer Anfangszeit wirkte die Atlas-Initiative wie ein Freundeskreis von ProprietaristInnen aus dem Rhein-Main-Gebiet, die ihr eigenes politisches Projekt ins Leben riefen. Die Nähe zur AfD war auffallend. Die AfD-Vertreter im Verein gehörten jedoch dem »wirtschaftsliberalen« Flügel der Partei an und entfremdeten sich von dieser, nachdem die Vorsitzenden Bernd Lucke (2015) und Frauke Petry (2017), die für einen streng proprietaristischen Kurs standen, aus ihren Ämtern ausschieden und der völkische Flügel die Partei weitgehend übernahm.

Die sieben Gründungsmitglieder der Atlas-Vereine sind dieselben, neben dem Vorsitzenden Markus Krall und Hanns-Christian Salger:

– Serge Ragotzky aus Mörfelden. Er wurde stellvertretender Vorsitzender des Atlas-Fördervereins. Er ist Professor für Finanzmanagement und Banken an der Hochschule Nürtingen-Geislingen und war zuvor als Investmentbanker bei Großbanken tätig. In den vergangenen Jahren trat er für den Wirtschaftsclub Rhein-Main in Erscheinung. In den Anfangsjahren der AfD galt Ragotzky der Partei als Finanzexperte, eine AfD-Mitgliedschaft ist jedoch nicht bekannt.

– Thomas Punzmann aus Frankfurt, als stellvertretender Vorsitzender beider Vereine. Er wurde 2018 ins Kuratorium der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung berufen. Er war Inhaber der Galerie Punzmann am Weckmarkt in der Frankfurter Innenstadt, in der die Gründungsversammlungen der Atlas-Vereine stattfanden und in der etliche Propaganda-Videos der Atlas-Initiative gedreht wurden. Heute ist die Galerie geschlossen.

– Markus Ross aus Frankfurt, als Kassenwart beider Vereine. Er ist Unternehmensberater und Vermögensverwalter, sein Name findet sich in knapp 20 Unternehmen. Auch von ihm führt die Spur in Kreise der AfD. So verteidigte er im Jahr 2019 in der Zeitschrift Tichys Einblick den Leipziger Maler Axel Krause, der aufgrund seiner Mitgliedschaft im Kuratorium der Desiderius-Erasmus-Stiftung in der Kritik stand.

– Regina Bendner aus Taunusstein, als stellvertretende Kassenwärtin des Vereins Atlas – Initiative für Recht und Freiheit. Sie war bis Ende Direktorin der Frankfurter Niederlassung der Privatbank M.M. Warburg – also der Bank, die just zu jener Zeit im Zentrum staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen zu illegalen Cum-Ex-Geschäften stand und einen Steuerschaden von mehreren Hundert Millionen Euro verursachte. Bendner ist der einzige »große Name« aus dem Bankenmilieu, der in der Atlas-Initiative auftaucht, seit 2019 ist sie dort jedoch nicht mehr festzustellen.

– Das siebte Gründungsmitglied der Vereine war der Frankfurter Rechtsanwalt Thomas Tschammer.
Er hatte in der Vergangenheit in Sachsen-Anhalt praktiziert und war dort als Verteidiger eines neonazistischen Gewalttäters aufgefallen. Aktuell vertritt er Heinrich XIII. Prinz Reuß im Prozess vor dem Frankfurter Oberlandesgericht. Darüber berichtet er im YouTube-Kanal von Tichys Einblick.

Serge Ragotzky, bis 2020 Vorstandsmitglied der Atlas-Initiative, in einem Werbevideo des Wirtschaftsclubs Rhein-Main von 2019, befragt von Achim Winter, der für Top TV, den Videokanal des Frankfurter Top Magazins, arbeitet. Quelle: YouTube (Screenshot)

Zerwürfnisse im Jahr 2021

Im Mai 2020 schieden Punzmann, Ragotzky und Ross aus dem Vorstand der Atlas-Initiative aus. Für sie rückten Salger und Tschammer nach. Zudem kam mit Wolfgang Mousiol aus Frankfurt ein neuer Name hinzu. Er ist Wirtschafts- und Politikwissenschaftler sowie Autor von Wirtschaftsfachbüchern. Von 2007 bis 2012 war er Professor an der privaten European Management School in Mainz. Im September 2013 kandidierte er auf der Liste der AfD zu den Landtagswahlen in Hessen. 2019 kündigte der AfD-Kreisverband Fulda ihn anlässlich eines geplanten Vortrags als »Leiter der Landesfachausschüsse ›Außen- und Sicherheitspolitik‹ sowie ›Geld- und Währungspolitik‹« der hessischen AfD an.

Im Frühjahr 2021 kam ans Licht, dass einige Vorstandsmitglieder der Atlas-Initiative den Verein offenbar als Selbstbedienungsladen nutzten. Es hatte unrechtmäßige Zahlungen von Aufwandsentschädigungen an Vorstandsmitglieder gegeben. Zudem hatten Firmen, die Dienstleistungen für den Verein erbracht hatten, überhöhte Rechnungen gestellt. So wurde eine Überzahlung an die Ceros GmbH, das Unternehmen von Markus Ross, festgestellt. Vorwürfe trafen außerdem Punzmann, Tschammer, Salger und Mousiol. Letzterer soll bereits Ende 2020 vom Steuerberater über die Unregelmäßigkeiten informiert worden sein, dies dem restlichen Vorstand jedoch verschwiegen haben.

Im April und Mai 2021 schieden Tschammer und Mousiol aus dem Atlas-Vorstand aus und kündigten ihre Mitgliedschaft. Mousiol kam mit seinem Austritt einem Rauswurf zuvor. Der Streit in der Atlas-Initiative hat seiner Reputation offenkundig nicht geschadet. Im Jahr 2024 ist als ehrenamtlicher Richter am Verwaltungsgericht in Frankfurt ein »Dr. Wolfgang Mousiol« tätig.

In dieser Zeit bestand eine enge Verbindung der Atlas-Initiative zur Degussa Sonne/Mond Goldhandel GmbH, deren Sprecher Krall war. Mehrfach fanden Vereinssitzungen in den Räumen des Unternehmens im Kettenhofweg im Frankfurter Westend statt. Dies zeigt, wie sehr Krall seine Aktivitäten in der Edelmetallhandelsgesellschaft und als proprietaristischer Ideologe vermischte. Nach dem Tod des rechten Mäzens August von Finck junior, dem Eigentümer der Degussa Sonne/Mond Goldhandel GmbH, im Jahr 2021 wurde Krall zunächst freigestellt und ein Jahr später entlassen.

Die Atlas-Initiative heute

Im Jahr 2022 trat auch Salger als Vorstandsmitglied zurück, sodass die Atlas-Initiative abgesehen von Krall ohne ihr Gründungspersonal dastand.

Zu den neuen Vorstandsmitgliedern zählten die Finanzinvestorin Juliane Ried aus der Oberpfalz und der Wirtschaftsinformatiker Benjamin Mudlack aus dem Emsland. Während Ried ein neues Gesicht in der Szene war, war Mudlack bereits als Autor beim Ludwig von Mises Institut Deutschland und bei Tichys Einblick sowie als Mitglied der Friedrich August von Hayek-Gesellschaft bekannt.

Auch Atlas-Vorstandsmitglied Benjamin Mudlack (links) hat keine Scheu, sich mit Verschwörungsideologen wie Peter Denk (2.v.r.), der an Leben auf dem Mars glaubt, in eine Diskussionsrunde im YouTube-Format Fair Talk zu setzen. Quelle: YouTube (Screenshot)

Im Herbst 2024 schied Juliane Ried schied aus dem Vorstand des Vereins Atlas – Förderung der Initiative für Recht und Freiheit aus. Ihr folgte Mathias Bothe aus Oldenburg als stellvertretendes Vorstandsmitglied. Er ist Mitglied der AfD und Mitbegründer des Hayek-Clubs Oldenburg. Beisitzer im Vorstand sind nun die Potsdamer Rechtsanwältin Katharina Dahl und der Berliner Rechtsanwalt René Kieselmann.

Doch sind Mudlack und Bothe nur Vorsitzende von Markus Kralls Gnaden. Wie sehr die Atlas-Initiative auf ihn fixiert ist, zeigt ein Blick auf deren YouTube-Kanal. Dort kommt er mehrmals pro Woche mit einem eigenen Format als Alleinunterhalter und Welterklärer zu Wort.

Nachdem Kralls Einbindung in die Gruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß bekannt geworden war, zogen sich einige Personen von ihm zurück, andere blieben ihm und der Atlas-Initiative treu. Fest an seiner Seite steht nach wie vor Thorsten Polleit aus Königstein im Taunus, der Präsident des Ludwig von Mises Instituts Deutschland ist. Er zählte unter anderem zur Jury, die im Jahr 2020 die »Roland-Baader-Auszeichnung« an Krall vergab. Auch Roland Tichy tritt weiterhin im YouTube-Kanal der Atlas-Initiative auf, was logisch erscheint, da Krall für Tichys Einblick schreibt. Selbst Hans-Georg Maaßen steht der Atlas-Initiative noch immer als Gesprächspartner zur Verfügung, zuletzt im Juni 2026.

In einigen Wirtschaftskreisen genießt Krall nach wie vor hohes Ansehen. So wird er am 3. Oktober als Redner auf der Investmentkonferenz »World of Value« im Hotel Scandic Hafenpark im Frankfurter Ostend erwartet. Mit dem Veranstalter, der World of Value AG mit Sitz in Schweiz, ist Krall eng verbunden. Als Moderator der Veranstaltung ist der Finanzmakler Steffen Krug angekündigt. Er leitet das Institut für Austrian Asset Management (IfAAM). Aus seiner Hand erhielt Markus Krall am 21. August 2020 die »Roland-Baader-Auszeichnung«, nach der er seine berüchtigte Rede »Vision einer Republik der Freiheit« hielt.

Das »Premium-Ticket« für die »World of Value«-Konferenz inklusive eines Dinners mit Markus Krall kostet 1.799 Euro.

Der YouTube-Kanal der Atlas-Initiative ist heute ganz auf Markus Krall zugeschnitten, der oft mehrmals die Woche die Sendung »KRALL ERKLÄRT« präsentiert (Ausschnitt von August 2026). Weitere Beiträge kommen von Benjamin Mudlack, FDP-Rechtsaußen Rainer Zitelmann, Andreas Tiedtke vom Vorstand des Ludwigs von Mises Institut Deutschland sowie Philipp Bagus vom wissenschaftlichen Beirat des Ludwigs von Mises Institut Deutschland. Bagus ist ein glühender Verehrer des extrem rechten argentinischen Präsidenten Javier Milei und war wissenschaftliches Mitglied des 2024 aufgelösten Frankfurter Zukunftsrats. Quelle: YouTube

Nicht im Fokus kritischer Öffentlichkeit

Seit dem Tod von Hanns-Christian Salger im März 2025 befindet sich keine Person aus dem Rhein-Main-Gebiet mehr im Vorstand der Atlas-Initiative. Die vor einigen Jahren nach Gelsenkirchen verlegte Vereinsanschrift wanderte im April 2026 nach Frankfurt zurück. Nun firmiert die Atlas-Initiative unter der Adresse der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft ACTon AG in der Frankfurter City. Das Unternehmen und seine führenden Personen waren bislang nicht öffentlich für die Atlas-Initiative in Erscheinung getreten.

Es ist beklemmend zu sehen, wie groß der Zuspruch für Krall und seine Atlas-Initiative weiterhin ist. Und das, obwohl er keinen Hehl daraus macht, die bestehende Demokratie zu verachten, und obwohl selbst die Möchtegern-Putschisten-Gruppe des Heinrich XIII. Prinz Reuß ihn für verrückt hielt.

Auffallend ist, dass die Atlas-Initiative nie Thema der Sicherheitsbehörden war, obwohl sie aggressiv gegen die verfassungsmäßigen Grundsätze der Gleichheit agitiert und aufgrund ihres Einflusses und ihrer Finanzkraft eine weitaus größere Bedrohung für die demokratische Gesellschaft darstellt als jede neofaschistische Splittergruppe.

Am 31. Oktober 2026 findet im Esperanto-Kongreßzentrum in Fulda das jährliche »Fest der Freiheit« der Atlas-Initiative statt. In den vergangenen Jahren nahmen daran 300 bis 400 Personen teil. Am 26. Oktober 2024 hatte die Atlas-Initiative am selben Ort erstmals diese Veranstaltung durchgeführt. Unabhängig davon hatte die Neonazigruppe Deutscher Jugend Bund für denselben Tag zu einem Marsch in Fulda aufgerufen. Dagegen formierte sich ein antifaschistisches Bündnis, das zu einer Gegendemonstration aufrief. Obwohl die Neonazis ihre Anmeldung zurückzogen, fand die Demonstration unter dem Motto »Naziaufmarsch stoppen – Für Vielfalt« statt. Das zeitgleich stattfindende Treffen der Atlas-Initiative war dabei kein Thema. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, wie wenig die Gefahr durch das rechte proprietaristische Spektrum in weiten Teilen der demokratischen Gesellschaft wahrgenommen wird.


Lesetipps:

Atlas Initiative – Teil 1, Andreas Kemper, 12.05.2020

Atlas-Initiative, Lobbypedia, 2026


Fanatisch für freie Märkte. Die Ideologie des Proprietarismus (1/7)

In der globalen autoritären Welle, die gerade alles zu überrollen droht und Demokratien in Diktaturen verwandelt, treiben Superreiche ihre Träume von staatsfreien Privatstädten voran. Was steckt hinter der proprietaristischen Ideologie – außer ganz viel Geld? Und warum muss dieses Milieu ein Beschäftigungsfeld für Antifaschist*innen sein? LESEN

Die Erben Hayeks. Die Hayek-Gesellschaft und der Hayek-Club Frankfurt (2/7)

Wie tief das proprietaristische Milieu in Wirtschaftsverbänden und in der Frankfurter Stadtgesellschaft verankert ist, macht der Blick in den Hayek-Club Frankfurt deutlich. Der steht politisch der FDP nahe und grenzt sich von der AfD ab. Doch führt er einen rechten Kulturkampf gegen Sozialstaat, Nachhaltigkeitspolitik, Linke und »Wokeness«. LESEN

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An den Universitäten formieren sich proprietaristische Gruppen wie die Students for Liberty und Liberty Rising. Sie führen gesellschaftliche Verantwortungslosigkeit im Programm und senden die Botschaft des »Weiter so!«. So präsentieren sie sich als Gegenpol zu emanzipatorischen Bewegungen, die für Klimaschutz, Ökologie und Diversität eintreten. LESEN

Gegen die „New World Order“. Die rechte Verschwörungsszene im Sog des Proprietarismus (4/7)

Proprietaristisches Denken hat großen Einfluss in der rechten Verschwörungsszene. Auch viele ReichsbürgerInnen sowie UnternehmerInnen im Esoterik-Business vertreten eine strikte marktradikale Ideologie. Sie wollen sich von Staat und Gesellschaft loslösen und suchen nur den eigenen wirtschaftlichen Vorteil. Ihre Netzwerke reichen bis in die »gehobene Gesellschaft«. LESEN

Zerfall und Wiedergeburt. Die Angst vor dem Untergang ist ein Geschäftsmodell der proprietaristischen Rechten (5/7)

Prophezeiungen eines baldigen Systemzusammenbruchs und wirtschaftlichen Niedergangs sind das Geschäft rechter Crash-Propheten. Vor über hundert Jahren formulierte Oswald Spengler ähnliche Thesen. Die Verleihung des »Oswald Spengler Prize« in Frankfurt durch den Wirtschaftsclub Rhein-Main bietet Anlass, jene Netzwerke zu beleuchten, die einen »Rechtsruck von oben« vorantreiben. LESEN

Die Fanclubs des Javier Milei (7/7) – in Arbeit

Der argentinischen Präsident Javier Milei ist eine Lichtgestalt im proprietaristischen Spektrum. Er regiert autoritär und lässt mit großer Härte demokratische Institutionen und soziale Bewegungen zerschlagen. Er gibt Argentinien zur Ausplünderung durch Oligarchen und den globalen Norden preis. Auch im Rhein-Main-Gebiet hat er glühende VerehrerInnen.


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