Großveranstaltung der Reichsbürgerszene in Darmstadt geplant

Am 26. September 2026 soll in Darmstadt ein sogenanntes Großes Treffen der 25+1 Bundesstaaten stattfinden. Von 12 bis 20 Uhr wollen sich AnhängerInnen der Reichsbürgerszene aus dem ganzen Bundesgebiet auf dem Karolinenplatz versammeln. Diese Veranstaltungen finden seit 2023 zwei- bis dreimal im Jahr an unterschiedlichen Orten in Deutschland statt. In der Vergangenheit nahmen jeweils zwischen 300 und 1.000 Personen daran teil.

Die Zusammenkünfte bestehen aus einem karnevalesk anmutenden Fahnenappell, einem »Einmarsch« der Delegationen aus den »Bundesstaaten«, einer Kundgebung mit Redebeiträgen und Musikdarbietungen sowie einem Demonstrationszug durch die Innenstädte. Dies zieht sich über viele Stunden.

Das geplante Treffen im September in Darmstadt wäre das zehnte seiner Art. Sollte es durchgeführt werden, ist mit einer mittleren dreistelligen Zahl an Teilnehmenden zu rechnen.

Fronttransparent des Demonstrationszuges des Großen Treffen der 25+1 Bundesstaaten am 6. April 2024 in Gera. ©Thomas Witzgall

Noch immer gelten ReichsbürgerInnen als eine sonderbare und selten ernst zu nehmende Randerscheinung des extrem rechten Spektrums. Zu absurd scheinen deren Ansichten und Forderungen, zu exzentrisch deren Auftreten. Doch indem sie den deutschen Staat nicht anerkennen, sich eigene Gesetze geben und das Recht »in die eigenen Hände« nehmen, stellen sie eine permanente Gefahr dar. Viele von ihnen bewaffnen sich und erklären sich bereit, entsprechend gegen Polizei und andere Behörden vorzugehen. Gerade in Hessen kommt es immer wieder zu Waffenfunden bei Personen aus dieser Szene. Oft sind auch Verflechtungen mit der AfD und anderen (extrem) rechten Gruppen festzustellen. Zudem haben die Reichsbürger-Ideologie sowie AkteurInnen aus diesem Spektrum einen großen Einfluss auf die sogenannte rechte Verschwörungsszene, die flächendeckend durch Aufzüge in Erscheinung tritt, und deren Publikationen sowie Social-Media- und Videokanäle viele tausend Menschen erreichen.

Das große Treffen der 25+1 Bundesstaaten

Das große Treffen der 25+1 Bundesstaaten geht auf die Idee des Reichsbürgers Frank Meier aus Schwedt in Brandenburg zurück. Sein Ziel ist es, über dieses Treffen ReichsbürgerInnen aus unterschiedlichen Gruppen und Organisationen miteinander zu vernetzen. Dies ist bisher kaum gelungen, da diese Szene von SelbstdarstellerInnen geprägt ist, die oft in Konkurrenz zueinander stehen und sich teilweise widersprechen. Die Reichsbürger-Ideologie ist antidemokratisch, autoritär, völkisch und in der Regel auch antisemitisch. Teilweise verschwimmen ReichsbürgerInnen mit anderen Strömungen der extremen Rechten, darunter auch Neonazis; teilweise grenzen sie sich von diesen ab. Beim Großen Treffen der 25+1 Bundesstaaten gelingt es, verschiedene Gruppen und Netzwerke zusammenzuführen.

Erfinder und Kopf des Großen Treffen der 25+1 Bundesstaaten ist der Reichsbürger Frank Meier aus Brandenburg. Hier links im Bild beim Treffen am 4. Juli 2026 im thüringischen Greiz. Foto: Telegram

Die Teilnehmenden der Treffen sind der Ansicht, dass das Deutsche Kaiserreich von 1871 bis heute fortbesteht und nie rechtswirksam aufgelöst wurde. Alle deutschen Staatsformen seit 1918 werden als illegitim erachtet. Das Netzwerk der 25+1 Bundesstaaten sieht das »Deutsche Reich« als Zusammenschluss von 26 Königreichen und Fürstentümern. Das »+1« im Namen des Netzwerks bezieht sich dabei auf die historische Region Elsass-Lothringen, die als Teil des deutschen Reichsgebiets betrachtet wird. Legitimer Herrscher des Deutschen Kaiserreichs ist ihrer Auffassung nach der Hohenzollern-Erbe Georg Friedrich Ferdinand Prinz von Preußen, der in einem feudalen Ständestaat regieren soll.

Die Annahme, dass die Grenzen des Deutschen Kaiserreichs von 1917 bis heute gültig seien, ist zutiefst revisionistisch und untergräbt die die staatliche Souveränität von Frankreich, Polen und Russland.

Die Angehörigen des Netzwerks erkennen auch das deutsche Staatsangehörigkeitsrecht nicht an. Sie lehnen die Möglichkeit der Einbürgerung ab und beziehen sich stattdessen ausschließlich auf das Abstammungsrecht. Demnach soll die staatsbürgerliche Zugehörigkeit nach familiärer Herkunft zuerkannt werden. Damit vertritt Das große Treffen der 25+1 Bundesstaaten eine völkische Blut-und-Boden-Ideologie.

Das Netzwerk des Großen Treffens der 25+1 Bundesstaaten erfüllt im Wesentlichen drei zentrale Funktionen. Einerseits geht es den OrganisatorInnen darum, selbstbewusst nach außen zu treten, Sichtbarkeit im öffentlichen Raum herzustellen und sich an ihrer eigenen Inszenierung zu ergötzen. Charakteristisch für das Große Treffen der 25+1 Bundesstaaten sind die Aufzüge mit einem Meer aus Fahnen, Kostümen und Uniformen.

Andererseits schaffen die OrganisatorIinnen niederschwellige Angebote zum Mitmachen. Das Treffen steht bewusst offen für Personen, die bisher noch nicht oder nur lose in der Szene organisiert sind. Damit spielt es eine wichtige Rolle als Rekrutierungsfeld für geschlossene Reichsbürger-Gruppen.

Über all dem steht sicherlich der Vernetzungscharakter. Beim großen Treffen der 25+1 Bundesstaaten kommen ReichsbürgerInnen aus dem gesamten Bundesgebiet zusammen, um sich kennenzulernen und Gemeinsamkeiten auszuloten. Die Treffen erfüllen daher einen identitätsstiftenden Zweck nach innen und schaffen Raum für weitere politische Vernetzung und Organisierung.

In der Vergangenheit sprachen bei den Treffen immer wieder prominente VertreterInnen der Szene. So trat beispielsweise wiederholt Matthes Haug aus Baden-Württemberg auf. Im Jahr 2022 nahm die Bundesanwaltschaft Ermittlungen gegen ihn auf, da er an mindestens einem internen Treffen der Gruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß teilgenommen und dort einen Vortrag gehalten hatte. Die Reuß-Gruppe hatte einen Staatsstreich geplant und Haug einen Ministerposten in ihrem neu zu bildenden Regime zugedacht. Im Dezember 2022 wurde die Gruppe ausgehoben. In einer am 21. Oktober 2024 in seinem Telegram-Kanal veröffentlichten Sprachnachricht bekräftigte Haug, dass er Heinrich XIII. Prinz Reuß für den rechtmäßigen Herrscher über die Gebiete in Thüringen ansehe, die bis 1919 die beiden Fürstentümer Reuß gebildet hatten.

Beim Treffen am 18. April 2026 in Braunschweig sprach unter anderem Colette Bornkamm-Rink aus Aschersleben in Sachsen-Anhalt. Mit Blick auf die NS-Zeit sagte sie, diese sei »der Horror« gewesen, zugleich behauptete sie jedoch, diese sei »gelenkt und finanziert vom tiefen Staat« gewesen. Dieser »tiefe Staat« finanziere heute auch den antifaschistischen Protest gegen das Treffen der ReichsbürgerInnen. Die Deutschen seien zu Unrecht als »Tätervolk« diffamiert worden, denn »unser Volk wurde nicht gefragt, unsere Ahnen konnten nicht entscheiden«. Bornkamm tritt bundesweit auf rechten bis extrem rechten Versammlungen auf. So war sie auch Rednerin auf Aufzügen der rechten Verschwörungsszene am 23. Mai 2026 in Aschaffenburg und am 4. April in Frankfurt, wo sie ähnliche Aussagen machte.

Die »türkischen Reichsbürger«

Die Royal Ottoman Society fordert eine Restauration des Osmanischen Reichs sowie eine Reaktivierung des deutsch-osmanischen Militärbündnisses. Ihre AnhängerInnen nehmen regelmäßig am Großen Treffen der 25+1 Bundesstaaten teil, wie zum Beispiel am 6. April 2024 in Gera. ©Thomas Witzgall

Regelmäßig nehmen am Großen Treffen der 25+1 Bundesstaaten auch VertreterInnen der Royal Ottoman Society teil. Dabei handelt es sich um einen osmanisch-monarchistischen Verein mit Schwerpunkt im Raum Ludwigshafen, der enge Verbindungen zur extrem rechten, islamistischen Naqshbandīyyah-Sekte unterhält. Diese hat sich die Restauration des Osmanischen Reichs zum Ziel gesetzt. Der Verein wurde im Jahr 2013 unter dem Namen Kaiserlich deutsch-osmanische Gesellschaft, Verein für deutsch-osmanisches Kulturgut Ludwigshafen gegründet. Zwei Jahre später erfolgte die Umbenennung des Vereins in Royal Ottoman Society, Verein für osmanisches Kulturgut Ludwigshafen e.V. Mit der Namensänderung veränderte sich auch die politische Ausrichtung. Anstelle von deutsch-osmanischen Großmachtfantasien zu pflegen, fokussiert sich der Verein in seiner Arbeit nun auf das Osmanische Reich. Die Verbindungen zum deutschen Reichsbürger-Milieu rissen jedoch nie ab. Immer wieder kam es zu gegenseitigen Besuchen zwischen Mitgliedern der Royal Ottoman Society und dem Reichsbürger-Netzwerk des Großen Treffens der 25+1 Bundesstaaten.

Dass ReichsbürgerInnen und türkische extreme Rechte mit Nähe zu einer islamistischen Sekte ihre politischen Gemeinsamkeiten herausstellen, mag nur auf den ersten Blick verstören. Die Gruppen verbinden nicht nur antidemokratische und in Teilen monarchische Ideologien. Vor allem wird immer wieder auf eine gemeinsame Geschichte freundschaftlicher »deutsch-osmanischer-Beziehungen« verwiesen.

Insbesondere das Deutsche Kaiserreich unter Wilhelm II. bemühte sich um intensive Beziehungen mit dem Osmanischen Reich. Deutschland erhoffte sich, das Osmanische Reich als militärischen Verbündeten für sein Großmachtstreben zu gewinnen. Auch das Osmanische Reich verfolgte aggressive Expansionspläne, um Hegemonialmacht im Schwarzmeeraum zu werden. So unterstützte Deutschland das Osmanische Reich ab 1882 militärisch. Im Ersten Weltkrieg kämpfte das Osmanische Reich an der Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns. Auf dieses aggressive und expansive Militärbündnis beziehen sich extrem rechte AkteurInnen heute noch bei ihren Bemühungen um die »deutsch-osmanische-Freundschaft«.

Wer macht die Arbeit vor Ort?

Auf dem Großen Treffen der 25+1 Bundesstaaten tritt regelmäßig eine Gruppe in Erscheinung, die angibt, das »Großherzogtum Hessen« zu repräsentieren. Dieses existierte von 1806 bis 1918 als Teilstaat des Deutschen Kaiserreichs. Bei vergangenen Treffen zählte diese hessische „Delegation” kaum mehr als zwei Dutzend Personen. Dabei exponierten sich insbesondere die AfD-AnhängerInnen Bruno Ramge und Ines Wirth aus Nidda (Wetteraukreis) sowie Tanja Wagner aus Gemünden (Vogelsbergkreis). Beim letzten Treffen am 4. Juli 2026 im thüringischen Greiz waren es nur acht Personen, die sich zu den Klängen des Volkslieds »Hessenland, du bist mein Heimatland« der Versammlung vorstellten.

Fester Bestandteil des Treffens ist zudem eine Trommelgruppe um den bekannten Reichsbürger Wolfgang Burkard aus Lorsch (Landkreis Bergstraße) und die extrem rechte Multi-Aktivistin Marika Hartmann aus Hösbach (Landkreis Aschaffenburg).

Die Trommelgruppe führt alle Aufzüge des Großen Treffens der 25+1 Bundesstaaten an. Fast immer dabei sind die extrem rechten AktivistInnen Wolfgang Burkard und Marika Hartmann (links im Bild) wie hier am 31. August 2024 in München. ©Thomas Witzgall

Die Treffen werden von einer Planungsgruppe um Frank Meier aus allen Teilen Deutschlands organisiert. Diese ist auf die Unterstützung durch Aktive aus den jeweiligen Regionen vor Ort angewiesen. Bisher erscheint es fraglich, wie dies in Darmstadt gelingen soll. Zwar waren die Reichsbürger Stefan Stay aus Darmstadt und Thomas Radomski aus Modautal, die von 2023 bis Herbst 2024 »Stille Proteste« der Reichsbürger-Szene bei Darmstadt organisierten (Rhein-Main-Rechtsaußen hatte im April 2024 darüber berichtet), Teil des Netzwerkes, doch schieden beide 2024 im Streit aus.

Im Jahr 2026 trat mit der Darmstädter Aktivistin Jutta Höpp eine neue Akteurin in Erscheinung. Am 18. April trug sie beim Aufzug des Großen Treffens der 25+1 Bundesstaaten in Braunschweig die Flagge des »Großherzogtums Hessen«. Beim nächsten Treffen am 4. Juli in Greiz führte sie die hessische Delegation mit dem Schild »Großherzogtum Hessen« an. Bei der Organisation der für September geplanten Veranstaltung in Darmstadt dürfte Höpp eine wichtige Rolle zukommen. Bisher ist unklar, welche weiteren regionalen Kräfte sie unterstützen werden.

Die »hessische Delegation« beim Großen Treffen der 25+1 Bundesstaaten am 4. Juli 2026 in Greiz. Das Schild mit der Aufschrift »Großherzogtum Hessen« trägt Jutta Höpp aus Darmstadt. Foto: Telegram

Ob das Große Treffen der 25+1 Bundesstaaten im September in Darmstadt in ähnlichem Umfang wie bisher stattfinden wird, bleibt demnach abzuwarten. Sicher ist nur, dass die ReichsbürgerInnen, sollten sie denn kommen, in Darmstadt auf antifaschistischen Widerstand stoßen werden.


Siehe auch: »Die Reichsbürger-Proteste in Darmstadt« vom 24. April 2024