Die Abgrenzungsbemühungen der AfD Hessen von der Aktion451 sind strategisch motiviert
Zusammenfassung des Artikels
Am 30. März 2026 machte Rhein-Main Rechtsaußen die Aktivitäten von Thomas Janeczek aus Rodgau im Umfeld der neofaschistischen Identitären Bewegung (IB) öffentlich. Janeczek ist Schatzmeister der AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland (GD) in Hessen und zählt zu den Initiatoren von Aktion451 Frankfurt, einem Label der IB zur Mitgliederwerbung an Hochschulen.
Trotz eines Unvereinbarkeitsbeschlusses zwischen AfD und IB bleibt sein Engagement für die Aktion451 ohne Konsequenzen. Die hessische AfD untersagt ihren Mitgliedern jedoch die Teilnahme an Veranstaltungen von Aktion451.
Anders erging es Christian Petri aus Darmstadt, der sein Amt im GD-Landesvorstand aufgrund eines Fotos verlor, das ihn mit der »White-Power«-Geste»White Power« (WP) steht als Slogan für die Vorstellung der »Weißen Macht« im Sinne einer »weißen Vorherrschaft«. Dieses rassistische Denken wird u.a. durch ein Handzeichen ausgedrückt, bei der drei abgespreizte Finger ein »W« und Daumen und Zeigefinger ein »P« formen sollen. Diese Geste wird von extremen Rechten in Deutschland mittlerweile häufig gezeigt, auch auf Aufzügen von Rhein-Main-steht-auf und Gemeinsam für… Weiterlesen zeigt. Angesichts zahlreicher ähnlicher Vorfälle ohne Folgen wirkt dieser Schritt wie ein Bauernopfer.
AfD-Funktionäre aus mehreren Bundesländern kritisierten die Distanzierung ihrer Partei von der Aktion451 und erklärten sich mit dieser solidarisch.
Der neofaschistische Verleger Götz Kubitschek schrieb, ein hessischer AfD-PolitikerDie AfD ist ein Sprachrohr der rechten Verschwörungsszene. PolitikerInnen der AfD im Rhein-Main-Gebiet verbreiten rechte Verschwörungsmythen vom »Great Reset«, »Großen Austausch«, »Hooton-Plan« u.a. Beispiele sind Ramona Storm, Frank Grobe, Sandra Scheld. Andreas Lichert, Landessprecher der AfD in Hessen, schwadroniert über eine »Symbiose von Öko-Sozialisten und Großkapital« zur Durchsetzung eines »Ökosozialismus«. Hartmut Issmer wettert in Reden gegen eine »internationale Hochfinanz«, die… Weiterlesen haben ihm erklärt, mit dieser Distanzierung wolle die Partei Einfluss auf den Gerichtsprozess über die Einstufung der AfD als »rechtsextremer Verdachtsfall« durch den hessischen Inlandsgeheimdienst (VS) nehmen und die Richter*innen durch Mäßigungssignale »gnädig stimmen«.
Die AfD Hessen klagt gegen ihre Einstufung als »rechtsextremer Verdachtsfall«. Seit dem 18. Mai 2026 läuft dazu der Prozess von dem Verwaltungsgericht in Wiesbaden. Dabei stehen die Kontakte des AfD-Landesvorsitzenden Andreas LichertAndreas Lichert aus Bad Nauheim ist Landessprecher der hessischen AfD und bildet zusammen mit Robert Lambrou aus Wiesbaden die Doppelspitze des Landesverbandes. Er ist wirtschaftspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im hessischen Landtag und ein Protagonist des neofaschistischen AfD-Flügels. Er war von 2007 bis 2018 Vorsitzender des in Thüringen ansässigen Vereins für Staatspolitik, der hinter dem (2024 offiziell aufgelösten) Institut für Staatspolitik… Weiterlesen zur IB im Fokus. Lichert ist seit Jahren eng mit dem Netzwerk um Götz Kubitschek verbunden und spielte eine wichtige Rolle bei der Unterstützung eines Hausprojekts der Identitären Bewegung in Sachsen-Anhalt.
Am 13. Mai 2026 fand ein weiteres Treffen von Aktion451 Frankfurt statt. Zwar war Janeczek nicht anwesend, jedoch nahm Manuel Wurm teil, ein ehemaliger Offenbacher AfD-Stadtverordneter. Wurm und Janeczek gehören der Frankfurt-Leipziger Burschenschaft Arminia an. Insgesamt konnten bislang vier Angehörige ihrer Aktivitas in der Aktion451 Frankfurt festgestellt werden. Die Burschenschaft fungiert dabei als Rückzugs- und Vernetzungsraum, während Aktion451 politische Aktivitäten ermöglicht, ohne dass diese unmittelbar auf die Verbindung zurückfallen.
Ein Bericht von Rhein-Main Rechtsaußen über die Gründung der Gruppe Aktion451 Frankfurt und deren Verflechtung mit der AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland Hessen schlug Wellen. Denn die Aktion451 ist ein Label der Identitären Bewegung, von der sich die AfD offiziell abgrenzt. Nachdem mehrere Medien darüber berichteten, distanzierte sich die Landespartei öffentlich von der Aktion451, was in Teilen der AfD und in ihrem neofaschistischen Vorfeld nicht gut ankam. Doch ist die Abgrenzungserklärung offenkundig strategisch motiviert. Sie muss im Zusammenhang mit dem derzeit laufenden Prozess vor dem Verwaltungsgericht Wiesbaden gesehen werden, bei dem die AfD gegen ihre Einstufung als »rechtsextremer Verdachtsfall« durch den Verfassungsschutz klagt.
Eine Abmahnung und ein Rausschmiss
Am 30. März 2026 veröffentliche Rhein-Main Rechtsaußen einen Artikel über den im März gewählten hessischen Landesvorstand der Generation Deutschland (GD). Darin wurden die Aktivitäten des neu gewählten Schatzmeisters der GD Hessen Thomas Janeczek aus Rodgau im Kreis der neofaschistischen Identitären Bewegung (IB) öffentlich gemacht. Er zählte unter anderem zu den Initiatoren der Gruppe Aktion451 Frankfurt. Der Tisch in der Frankfurter Gaststätte »Zur Germania«, in der am 5. März 2026 deren Gründungstreffen stattfand, war auf seinen Namen reserviert worden.
Bei der Aktion451 handelt es sich um ein Label der IB, mit dem diese gezielt an Universitäten Propaganda betreibt und Mitglieder wirbt. Seit einigen Monaten entstehen in deutschen Städten Ableger der Gruppe.
Medien wie die Frankfurter Rundschau oder die taz griffen die Recherche von Rhein-Main Rechtsaußen auf. In der Folge beschäftigte sich auch der Landesvorstand der hessischen AfD mit dem Fall. Denn noch immer existiert formal ein Unvereinbarkeitsbeschluss zwischen der AfD und einer Mitgliedschaft in der IB. Durchgesetzt wird dieser von der Partei jedoch nur dann, wenn der Druck von außen zu groß wird.
Auch für Janeczek bleibt sein Engagement bei der IB ohne größere Konsequenzen. Für die Teilnahme an einer Demonstration der IB 2024 in Wien, über die Rhein-Main Rechtsaußen ebenfalls berichtet hatte, wurde er durch den Landesvorstand abgemahnt. Seine Rolle im Gründungsprozess der Aktion451 Frankfurt blieb folgenlos, da er erklärte, nicht gewusst zu haben, dass es sich bei der Aktion451 um ein Tarnlabel der IB handele. Die hessische AfD verschickte daraufhin eine Stellungnahme an alle Mitglieder, in der diese sich von der Aktion451 distanzierte, vor der Gruppe warnte und ein Teilnahmeverbot an Veranstaltungen der Gruppe für AfD-Mitglieder aussprach.

Die Nähe zur IB suchte Janeczek offenkundig schon vor Jahren. Am 27. November 2021 nahm eine Gruppe von etwa zehn Aktiven der IB, die damals unter dem Label Aktives Hessen auftraten, mit einem eigenen Transparent (»Heimatschutz statt Mundschutz«) in Frankfurt an einem Aufzug gegen die Corona-Politik teil. Fotos dokumentieren, dass sich Janeczek in der zweiten Hälfte der Demonstration dem Aufzug anschloss und stets in unmittelbarer Nähe der Aktives-Hessen-Gruppe lief.
Keine Rolle in der medialen sowie parteiinternen Debatte spielt Jonathan Götzel aus Marburg. Er ist stellvertretender Schatzmeister der GD Hessen sowie Mitglied der extrem rechten Marburger Burschenschaft Germania aus dem Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB). Die völkischen Burschenschaften als Rekrutierungsfeld für zukünftige Funktionsträger der AfD sind auch in Hessen zu wichtig geworden, als dass die Partei sich scheinbare Absatz- und Distanzierungsbemühungen in Richtung der DB-Burschenschaften erlauben kann.
Harte Sanktionen richteten sich dagegen gegen den Darmstädter Stadtverordneten und Mitglied der Studentenverbindung Corps Obotritia Darmstadt Christian Petri. Dieser musste sein Amt als Beisitzer im Landesvorstand der hessischen GD niederlegen. Die AfD begründete dies damit, dass ein Foto aufgetaucht sei, auf dem Petri bei einer Parteiveranstaltung die »White-Power«-Geste zeige. Petri trat in der Folge auch aus der AfD-Fraktion in der Darmstädter Stadtverordnetenversammlung aus und kam damit einem Ausschlussantrag der Fraktion zuvor. Auf der Webseite der AfD Darmstadt wird er nicht mehr als Mitglied im Kreisvorstand aufgeführt.
Dass im Vergleich zu Janeczek oder Götzel gerade Petri derart sanktioniert wird, mutet abstrus an. Ist doch die »White-Power«-Geste in Kreisen der AfD seit Jahren geläufig. Die Liste an Fotos, auf denen FunktionsträgerInnen von AfD und AfD-Jugend diese rassistische Symbolik zeigen, ist lang. Ein Beispiel dafür ist der ehemalige IB-Aktivist, Burschenschafter und Schatzmeister der GD in Rheinland-Pfalz, Benjamin Steiner aus Mainz, der erst im März 2026 in einem Bericht von Spiegel TV auf sein wiederholtes Zeigen der »White-Power«-Geste angesprochen wurde und den Journalist*innen weismachen wollte, er habe ein Zeichen aus dem Tauchsport verwendet.
Es ist allzu offensichtlich, dass der hessische Landesvorstand der AfD Handlungsdruck verspürte und mit Petri ein »Bauernopfer« fand, dessen Standing in der Partei schwach ist und das deshalb problemlos abgesägt werden konnte.

Die »Helden des Vorfelds«
Am 10. Mai 2026 veröffentlichte die Aktion451 eine Stellungnahme in den Sozialen Medien, in der sie die Distanzierung der hessischen AfD kritisierte. Das Mitgliederschreiben des hessischen Landesvorstands wird als »Angriff« auf die Aktion451 verstanden. Der Landtagsabgeordnete und Vorsitzende der GD Bayern Franz Schmid kündigte daraufhin an, VertreterInnen der Aktion451 in den bayrischen Landtag einzuladen. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich aus Dortmund bedankte sich öffentlich bei der Gruppe für ihre Arbeit. Der Landtagsabgeordnete Joachim Paul aus Koblenz forderte, dass »der linken Hegemonie an den Hochschulen« etwas entgegen gesetzt werden müsse. Die Arbeit der Aktion451 sei daher »wichtig und angesichts der Lage in Frankfurt mutig und vorbildlich«. Die Aktion451 Frankfurt erklärte Schmid, Helferich und Paul in einem Social-Media-Beitrag darauf zu »Helden des Vorfelds«.
Auch der bayerische AfD-Landtagsabgeordnete Jörg Baumann aus Haibach (bei Aschaffenburg) stellte sich hinter die Aktion451. Baumann, ein vom Dienst entbundener Polizist, zeigt schon seit Jahren Sympathien für die IB. Nun forderte er in Hinblick auf die Aktion451: »Geben wir jungen Patrioten eine Chance!«. Denen, die sich von der Gruppe distanzierten, warf er vor, so zu »reden wie die ›Omas gegen Rechts‹.«
Aus der extremen Rechten hagelte es, wie zu erwarten war, Kritik am Vorgehen der hessischen AfD. Der Publizist Benedikt Kaiser schrieb in den Sozialen Medien: »Die Führung der AfD Hessen sollte der Aktion451 angesichts der linken Uni-Hegemonie in Frankfurt, Marburg und Co. lieber Bücherplakate von Jungeuropa, Antaios, Junge Freiheit (usw.) spenden anstatt sich zu distanzieren«. Martin Sellner aus Österreich, führender Aktivist der IB, zeigte sich einer Stellungnahme enttäuscht vom AfD-Landesvorstand. Dieser habe, so Sellner, »wirklich denkbar schlecht gehandelt. Das ist ein Moment, wo es starke inhaltliche Kritik braucht.« Dies habe er »von den Leuten dort nicht erwartet.«
Der Online-Aktivist Aron Pielka aka »Shlomo Finkelstein« stellte in seiner Kolumne im extrem rechten Krautzone-Magazin die These auf, dass der hessische AfD-Landesverband das Ziel habe, dass politische Vorfeld der Partei durch die GD zu ersetzen.
Eine andere Interpretation der Vorfälle lieferte der neofaschistische Verleger Götz Kubitschek in einem Online-Beitrag seiner Zeitschrift Sezession: In einem Telefonat mit ihm habe ein nicht näher genannter hessischer AfD-Politiker erklärt, die Distanzierung von der Aktion451 habe vor allem strategische Gründe. Die Partei wolle so Einfluss auf den Gerichtsprozess über die Einstufung der AfD als »rechtsextremer Verdachtsfall« durch den hessischen Inlandsgeheimdienst, den Verfassungsschutz (VS), nehmen und die Richter*innen durch Mäßigungssignale »gnädig stimmen«.

Der »ethnisch-völkische Staatsvolksbegriff«
Seit dem 18. Mai 2026 läuft von dem Verwaltungsgericht Wiesbaden der Prozess zur Einstufung der AfD Hessen als »rechtsextremer Verdachtsfall« durch den hessischen VS. Die Partei klagt gegen diese Bewertung. Der VS hatte im Gegenzug zugesagt, die hessische AfD nicht mehr öffentlich als »rechtsextremer Verdachtsfall« zu bezeichnen, bis über die Klage rechtskräftig entschieden ist.
Das Verfahren führen für die AfD die beiden Landesvorsitzenden Andreas Lichert aus Bad Nauheim und Robert Lambrou aus Wiesbaden, Landesschatzmeister Roman Bausch aus Wiesbaden sowie der ehemalige Polizeibeamte Maximilian Radmann aus Frankfurt, der Beisitzer im Landesvorstand ist. Anwaltlich vertreten wird die Partei von Christian Conrad und Glen O’Brien von der Rechtsanwaltskanzlei Ralf Höcker, welche die AfD schon seit Jahren in unterschiedlichen Rechtsstreitigkeiten vertritt. So führte Conrad beispielsweise bisher bundesweit alle Verfahren zur Einstufung der Partei durch VS-Behörden der Länder und des Bundes.
Die Strategie der hessischen AfD vor Gericht beruht im wesentlichen auf zwei Säulen: Zum einen versuchen Conrad und O’Brien, die Legitimität des VS und seiner Beobachtung von Parteien also solche anzuzweifeln. Zum zweiten versucht die Partei, die Einstufung des Geheimdienstes inhaltlich zu entkräften.
Insbesondere debattiert man im Prozess darüber, ob die AfD einen »ethnisch-völkischen Staatsvolksbegriff« propagiert. Denn die Bewertung der hessischen AfD als »rechtsextremer Verdachtsfall« resultiert darauf, dass es Anzeichen dafür gebe, dass diese einen »ethnisch-völkischen Staatsvolksbegriff« verwende, »ausländer- und islamfeindlich« agiere, »demokratiefeindlich« sei und über Verbindungen in die extrem rechte Szene verfüge. Auffällig ist dabei, dass die antifeministischenAntifeministische Ideologie richtet sich gegen feministische Forderungen und Errungenschaften. Sie ist oft in einem inhaltlichen Komplex mit LGBTQ-Feindlichkeit und der Ablehnung sexueller und reproduktiver Selbstbestimmung verbunden. Insbesondere ist Antifeminismus eine »Brückenideologie«, über die sich Allianzen von konservativen, extrem rechten, verschwörungsideologischen, rechtsesoterischen und religiös-fundamentalistischen Spektren bilden. In der rechten Verschwörungsszene hat Antifeminismus unterschiedliche Ausprägungen. Gruppen wie ElternStehenAuf sowie die Aschaffenburger »Familien-Schutz-Demos«… Weiterlesen, queerfeindlichen, antisemitischenAntisemitismus ist eine tragende Ideologie der rechten Verschwörungsszene und tritt dort in vielen Facetten in Erscheinung. Als übergeordnete Verschwörungsmythos dient der Szene ein angeblicher Plan einer »globalistischen Elite« zur Schaffung einer Neuen Weltordnung. Darin spiegeln sich viele Elemente der seit fast 2000 Jahren virulenten Erzählungen von einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung wieder: Die Ansicht, dass »heimatlose« Jüd*innen kultur- und heimatlose »Einheitsmenschen«… Weiterlesen, wissenschaftsfeindlichenWissenschaftsfeindlichkeit bezeichnet die ablehnende Haltung gegenüber Evidenz und gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnis. Der Begriff entstand mit der Holocaustleugnung, heute umfasst er u.a. die Leugnung des Klimawandels, der Evolutionslehre und medizinischer Erkenntnisse z.B. zu AIDS, Corona oder Krebserkrankungen. Wissenschaftsfeind*innen und -leugner*innen kommunizieren oft offensiv nach außen und erreichen eine Verunsicherung bis weit in die Gesellschaft hinein. Die Negierung des wissenschaftlichen Konsenses beinhaltet… Weiterlesen und sozialdarwinistischenSozialdarwinismus ist ein Kernelement rechter Ideologie. Er gründet im Biologismus und überträgt die Evolutionstheorie von Charles Darwin eins zu eins auf menschliche Gesellschaften. Daraus folgen die Überzeugungen von einem ständigen »Kampf ums Dasein«, der Selbstverständlichkeit sozialer Hierarchien und der Ungleichwertigkeit von Menschen. Dies bewirkt eine verachtende Perspektive auf Menschen, die körperlich, intellektuell oder ökonomisch als schwächer angesehen werden. Sie werden… Weiterlesen Ideologien der AfD in der Betrachtung der Sicherheitsbehörden kaum eine Rolle spielen.

Im Fokus: Andreas Lichert
Schon am ersten Prozesstag musste sich Andreas Lichert für seine Kontakte zur IB rechtfertigen. Denn er fiel immer wieder als aktiver Förderer von Strukturen der IB auf. Dies wird unter anderem deutlich an der Rolle, die er Ende der 2010er Jahre bei einem Hausprojekt der IB in in Sachsen-Anhalt einnahm.
So ist Lichert Vorstandsmitglied der 2007 gegründeten Titurel-Stiftung mit Sitz in Johannesberg (Landkreis Aschaffenburg). Im Januar 2017 trat der Gründer der Titurel-Stiftung Helmut Engelmann aus Johannesberg als Käufer eines Hauses in Halle an der Saale in Erscheinung. Lichert fungierte dabei laut Kaufvertrag als dessen Bevollmächtigter. In der Immobilie wurde nun ein Hausprojekt der IB eingerichtet, das bis Ende 2019 bestand.
Über ein unübersichtliches Geflecht aus Vereinen, Stiftungen und Firmen sollten Gelder bereit gestellt werden, um die Finanzierung des Projektes langfristig zu sichern und so einen überregionalen Anlauf-, Vernetzungs- und Schulungsort für die Szene zu etablieren. Andreas Lichert nahm dabei offensichtlich eine zentrale Rolle ein.
Das »IB-Haus« in Halle war das Zentrum der Aktivitäten des regionalen IB-Ablegers Kontrakultur Halle. Auch der sachsen-anhaltinische AfD-Landtagsabgeordnete Hans-Thomas Tillschneider eröffnete dort sein Büro. Das Haus diente zudem als Sitz einer Werbeagentur Mosaik Kommunikation, für die als Unternehmensdach die Firma von Andreas Lichert, die Lichert GmbH in Bad Nauheim, fungierte. Die Homepage Sachsen-Anhalt Rechtsaußen schrieb 2017 zu Mosaik Kommunikation: »Die Web-Domain der Agentur ist auf Simon Kaupert [einem bekannten sächsischen IB-Aktivisten, d.A.] registriert, der Quellcode der Seite weist auf eine nicht mehr oder noch nicht existierende österreichische Agentur Kontrast Werbedesign bzw. Mosaik Werbedesign hin. Beide Domains sind auf den Co-Chef der österreichischen IB Martin Sellner registriert. Zu vermuten ist, dass die Agentur vor allem genutzt wird, um aktivistische Arbeit und Auftragsarbeiten mit Partnern wie Ein Prozent, aber auch der AfD, abrechnen zu können.«
Laut einem Gerichtsurteil von September 2020 darf Andreas Lichert sogar als Mitglied der IB bezeichnet werden. Vorausgegangen war eine parteiinterne Schlammschlacht zwischen dem damaligen hessischen AfD-Landtagsabgeordneten Walter Wissenbach, der als »gemäßigt« galt, und dem extrem rechten Parteiflügel um Björn Höcke, zu dem Lichert zählt. Wissenbach hatte Lichert in einer internen E-Mail als »stolzes Mitglied« der IB bezeichnet, Lichert hatte gegen die Aussage eine einstweilige Verfügung erwirkt, der Wissenbach nicht nachkam. Das Gericht sah in der Aussage von Wissenbach eine zulässige Meinungsäußerung.
Lichert und das Institut für Staatspolitik
Der Hauptzweck der Titurel-Stiftung von Lichert und Engelmann bestand noch vor wenigen Jahren darin, das Institut für Staatspolitik (IfS) des Götz Kubitschek finanziell zu fördern. Demzufolge wurde das Projekt in Halle auch stark vom neofaschistischen Netzwerk um Kubitschek vorangetrieben. Mit diesen Strukturen ist Lichert seit vielen Jahren eng verbunden, so war er von 2007 bis 2018 Vorsitzender des 2024 aufgelösten Vereins für Staatspolitik, der hinter dem (2024 ebenfalls offiziell aufgelösten) IfS steht.
Schon 2013 geriet Lichert in den Blick der Öffentlichkeit. Er war die treibende Kraft einer Projektwerkstatt Karben, die im Mai 2013 in einem ehemaligen Ladengeschäft an der Hauptstraße in Karben im Wetteraukreis eröffnete. Die Projektwerkstatt diente der IB und dem IfS gleichermaßen als ein Treffpunkt und eine Informationsstelle, auch die Frankfurter Rundschau erkannte dort ein »Neonazinest«. Aufgrund des starken Widerstands aus der Bevölkerung, der Lichert entgegen schlug, erlahmten die Aktivitäten der Projektwerkstatt ab 2014, bevor sie ganz eingestellt wurden. Mehr Infos dazu finden sich hier.
Doch lassen sich Licherts Aktivitäten für das IfS kontinuierlich bis in die jüngere Vergangenheit nachvollziehen. So saß er beim Sommerfest des IfS im Juli 2023 in Schnellroda in Sachsen-Anhalt neben Götz Kubitschek auf dem Podium einer Diskussionsveranstaltung und bekannte sich dort noch einmal deutlich zum Netzwerk um Kubitschek. So sei er beim IfS in den letzten Jahrzehnten »durch die Schule gegangen«, was ihm auch heute noch bei seiner politischen Arbeit sehr helfe.

Im aktuellen Prozess vor dem Verwaltungsgericht wurden bisher nur die Verbindungen Licherts zur IB behandelt, seine Verwobenheit mit dem Netzwerk um Kubitschek kam noch nicht zur Sprache. Zwar räumte Lichert ein, in der Vergangenheit Kontakte zu AktivistInnen der IB gehabt zu haben und mit deren Kritik an einer angeblichen Masseneinwanderung übereinzustimmen, doch hörten seine Sympathien für die IB dort auf, wo diese ein »völkisch-ethnisches Staatsvolksverständnis« vertrete.
Noch im Jahr 2020 verteidigte Lichert die IB in einem Blogeintrag auf seiner Webseite öffentlich. Zuvor hatte das Verwaltungsgericht Berlin rechtskräftig entschieden, dass die IB durch den VS als »gesichert rechtsextrem« bezeichnet werden dürfe. Grund dafür ist unter anderem, dass sich hinter dem rassistischen Konzept des »Ethnopluralismus«, welches die IB vertritt, ein »völkisch-ethnisches Staatsvolksverständnis« verberge. Lichert behauptete dagegen in seinem Blog-Beitrag, dass das »Ethnopluralismus«-Konzept vom Grundgesetz gedeckt und kein Indiz für eine extrem rechte Gesinnung sei.
Auf diesen Widerspruch zu seiner vorherigen Distanzierung vom »völkisch-ethnischen Staatsvolksverständnis« angesprochen, behauptete Lichert zunächst, er könne sich an den Text nicht mehr im Detail erinnern. Im weiteren Verlauf argumentierte er, die IB-solidarischen Kommentare seinen aus dem Zusammenhang gerissen worden. Co-Landesvorsitzender Robert Lambrou erklärte schließlich, sein Parteifreund Lichert könne gar kein »völkisch-ethnisches Staatsvolksverständnis« propagieren, da er selbst über einen britischen Migrationshintergrund verfüge.
In Wahrheit sind auch in Hessen die völkischen und neofaschistischen Seilschaften in der AfD stark. Das zeigt sich darin, dass Thomas Janeczek und Jonathan Götzel weitermachen dürfen. Und darin, dass Teile der hessischen Parteijugend weiterhin unbekümmert auf Veranstaltungen der IB zu finden sind. So reisten mehrere Personen, die am 28. März 2026 an der Gründung der GD Hessen teilgenommen hatten, zum »Remigration Summit 26« (»Resum26«), der am 30. Mai 2026 in Figueira da Foz in Portugal stattfand und auf dem 600 RassistInnen aus ganz Europa ihre Fantasien zur Deportation von Millionen Menschen diskutierten. Organisiert wurde der »Resum26« vom internationalen Netzwerk der IB, Hauptredner war IB-Anführer Martin Sellner. Einer der Reisenden war Darrel Corian, Gründungsmitglied der GD Hessen und seit April 2026 Mitglied des neu konstituierten Ausländerbeirats in Wiesbaden.
Angst vor dem Geheimdienst
Das Auftreten der hessischen AfD-Spitze zeigt, wie sehr sich diese unter Druck sieht. Sollte das Verwaltungsgericht entscheiden, dass die Partei rechtskräftig als »rechtsextremer Verdachtsfall« durch die Sicherheitsbehörden bezeichnet werden darf, wird die Hochstufung der AfD als »gesichert rechtsextrem« nicht lange auf sich warten lassen. Das zeigen die Beispiele aus anderen Bundesländern und dem Bund. Für die hessische AfD und ihre Mitglieder wäre diese Hochstufung mit erheblichen Nachteilen verbunden. Insbesondere für Lehrkräfte, PolizistInnen und Verwaltungsmitarbeitende mit AfD-Mitgliedschaft könnte dies beamtenrechtliche Folgen haben.
Der für AfD-Verhältnisse absurde Rausschmiss von Christian Petri, die Distanzierung von der Aktion451 und Licherts zurückhaltender Auftritt vor Gericht sind vor diesem Hintergrund zu bewerten. Es geht der Partei nicht um eine wirkliche inhaltliche Mäßigung, sondern um eine strategische Abgrenzung. Die Angst vor dem Geheimdienst ist groß. So ist auch Robert Lambrou zu verstehen, der vor dem Verwaltungsgericht Wiesbaden proaktiv erklärt, die Partei habe Ausschlussverfahren gegen die Admins der Facebook-Seiten der Kreisverbände Kassel und Offenbach-Land eingeleitet, da diese rassistische und volksverhetzende Inhalte geteilt hätten. Auch Maximilian Radmann knüpft hier an, wenn er in seinem Schlusskommentar im Prozess vor dem Verwaltungsgericht beteuert, er habe als Polizeibeamter einen Eid auf die Verfassung geschworen, dem er sich noch immer verpflichtet sehe. Wenn die AfD eine »verfassungsfeindliche und extremistische« Partei sei, dann wäre er dort falsch.
Mitte Mai 2026, nur wenige Tage vor dem Beginn der Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht Wiesbaden, schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) in einem Artikel über die Personalrekrutierung der AfD für eine potentielle Regierungsübernahme nach den Landtagswahlen in Sachen-Anhalt. Laut FAS erwarte Andreas Lichert, dass AktivistInnen aus dem Netzwerk um Kubitschek unter den zukünftigen MitarbeiterInnen sein werden. Die Zeitung zitiert Lichert mit den Worten »Die eignen sich für die Positionen, einfach weil sie gut sind« Er lobt also jenes Netzwerk aus NeofaschistInnen, IB-AktivistInnen und völkischen Burschenschaftern, von dem er sich wenige Tage später vor Gericht distanzieren wird.
Es liegt nun am Verwaltungsgericht Wiesbaden, ob es den Distanzierungs-Märchen der Hessen AfD Glauben schenkt oder nicht.

Die Aktion451 Frankfurt macht weiter
Am 13. Mai 2026 fand ein zweites Treffen der Aktion451 Frankfurt statt. Erneut traf man sich in der Apfelweinwirtschaft »Zur Germania«, diesmal zum »451-Lesekreis«, bei dem das Buch »Der Waldgang« von Ernst Jünger gemeinsam gelesen wird. Zuvor fand sich die nunmehr noch fünfköpfige Gruppe am Südbahnhof zusammen und lief gemeinsam zur Gaststätte. Thomas Janeczek war nicht dabei – möglicherweise als Reaktion auf die Intervention des AfD-Landesverbands.
Teilnehmer beider Frankfurter Aktion451-Treffen war Manuel Wurm aus Offenbach, Bundesbruder von Janeczek in der Frankfurt-Leipziger Burschenschaft Arminia. Wurm, der bis 2026 AfD-Stadtverordneter in Offenbach war, kann auf eine Funktionärslaufbahn in der ehemaligen Jugendorganisation der AfD Junge AlternativeDie Junge Alternative für Deutschland (JA) wurde 2015 als Jugendorganisation der AfD gegründet und im März 2025 aufgelöst. Auch im Rhein-Main-Gebiet war die JA von Personen aus dem neofaschistischen Spektrum geprägt. Gruppen der JA traten in der Region vor allem 2021 und 2022 auf Aufzügen der rechten Verschwörungsszene in Erscheinung und gaben sich dabei zum Teil über ihre Kleidung als… Weiterlesen (JA) zurückschauen, die ihn dort bis in den Landes- und Bundesvorstand brachte und zu den Akademien des Instituts für Staatspolitik in Schnellroda führte, jedoch im Juli 2024 abrupt endete, als er beim JA-Landeskongress in Bad Homburg aus dem JA-Landesvorstand abgewählt wurde. Nach seiner Abwahl zeigte er sich sichtlich mitgenommen und resigniert. Seitdem ist er, den viele auf klarem Kurs in Richtung Landtagsmandat gesehen hatten, in AfD-Kontexten kaum mehr präsent. Im Gegensatz zur vorigen JA-Generation um Mary Khan und Jan Nolte, die inzwischen AfD-Abgeordnete in Brüssel und Berlin sind, gelang es ihm nicht, sein jahrelanges Engagement für die Partei in eine entsprechende Karriere umzusetzen. Auch an der Gründung des hessischen Landesverbandes der GD im März 2026 nahm er nicht teil.
Neben seinen Kontakten ins Milieu der IB dürfte auch seine Mitgliedschaft im skandalträchtigen AfD-Kreisverband Offenbach-Stadt Grund dafür sein, dass Wurm in der AfD in Abseits geriet. Denn sein KV befindet sich im Konflikt mit dem Landesvorstand. Interne Streitereien, vor allem mit seinem ehemaligen JA-Vorstandskollegen Dominik Asch, belasteten seine Position in der hessischen JA zusätzlich. Es ist vorstellbar, dass er in dieser Gemengelage um 2023/2024 den Rückhalt in der hessischen AfD verlor. Offenbar legt er nun den Fokus seines politischen Engagements auf die Aktion451.

Unterdessen beteiligten sich am 29. Mai 2026 drei Vertreter der Frankfurt-Leipziger Burschenschaft Arminia am traditionellen Fackelzug im Rahmen des alljährlichen »Burschentags« der Deutschen Burschenschaft (DB). Diese Beteiligung ist insofern interessant, als die Frankfurter Arminia kein Mitglied der DB ist, nachdem sie im Dezember 2012 ausgetreten war. Vorangegangen waren Skandale um extrem rechte und völkisch-rassistische Mehrheitspositionen innerhalb der DB. Diese sind geblieben – und doch nähern sich die Frankfurter Arminen offenkundig wieder der DB an. Teil der Frankfurter Delegation in Eisenach war neben Janeczek und Wurm auch Lorenz Sliwka, der erst seit kurzer Zeit Teil der Burschenschaft sein dürfte und noch vor zwei Jahren für die CDU bei Kommunalwahlen in seinem Heimatort Weisenheim am Sand (Landkreis Bad Dürkheim) kandidierte. Sliwka konnte als Teilnehmer an beiden bisherigen Treffen der Aktion451 in Frankfurt festgestellt werden. Neben Wurm, Janeczek und Sliwka war mit Philipp Syskowski auch ein viertes Mitglied der Burschenschaft beim ersten Stammtisch anwesend – insgesamt kann daher davon ausgegangen werden, dass annähernd die Mehrheit ihrer Aktivitas zugleich Teil der Aktion451 sein dürfte. Die Burschenschaft dient den Neofaschisten damit als Rückzugsraum und liefert Kontakte, während Aktion451 ein vermeintlich junges, frisches politisches Label darstellt, mit dem die Burschenschafter und ihr Umfeld Politik machen können, ohne dass dies direkt auf ihre Verbindung zurückfällt – dieses Prinzip der engen Verzahnung zur burschenschaftlichen Lebenswelt prägt die Politik des IB-Spektrums bereits seit ihren Anfängen.
Insgesamt bleibt weiter zu beobachten, ob die Aktion451 sich in Frankfurt und Umgebung etablieren kann und ob deren Aktivitäten, wie auch die Aktivitäten anderer IB-naher Gruppen, weiterhin attraktiv für Mitglieder und FunktionsträgerInnen der AfD bleiben – trotz der Kontaktverbote durch den hessischen Landesvorstand.
siehe auch: Burschenschafter, Identitäre Bewegung und kaum Frauen – Die AfD-Jugend in Hessen ist und bleibt extrem rechts – auch als Generation Deutschland, 30.03.2026
