Was zur Hölle

Im April 2024 gab Tobias Riemenschneider in einer Predigt Tipps, wie eine Gemeinde einen schwachen und »unbiblischen« Pastor loswerden könne. Im Herbst 2025 wurde er selbst von seiner Gemeinde geschasst. Quelle: YouTube

Wie Pastor Tobias Riemenschneider
und die AfD ziemlich beste Freunde wurden

Tobias Riemenschneider aus Kronberg wird von extrem Rechten als »Deutschlands radikalster Priester« gefeiert. Der Pastor der Evangelisch-Reformierten Baptistengemeinde Frankfurt
und der Christuskirche Frankfurt hetzt gegen Islam, Feminismus, queere Lebensentwürfe und »woke Linke«. Darin verbündet er sich mit der AfD. Von einer Regierung (mit) der AfD verspricht er sich, dass die Schulpflicht abgeschafft wird und die Gemeinde ihre Kinder selbst unterrichten kann.

Frankfurt, am 10. August 2024: Während die Parade des Christopher Street Day durch die Stadt zieht, steht Tobias Riemenschneider auf der Einkaufsmeile Zeil. Eine Gruppe junger Männer sichert ihn ab, ein paar von ihnen halten Schilder hoch mit Aufschriften wie »MANN und FRAU schuf ER sie«. Riemenschneider schreit den Passant*innen zu:

»Menschen von Frankfurt! Heute wird auf den Straßen dieser Stadt die Sünde gefeiert, die Rebellion gegen Gott, den Schöpfer. Und ich weiß, dass viele hier sind, die wissen, die sehen, dass unser Land im Chaos versinkt. Wir haben paar hunderttausendfachen Babymord im Mutterleib. Wir wissen nicht mehr, was ein Junge oder ein Mädchen ist. […] Und dann haben wir noch die Bedrohung von den Muslimen. Vor kurzen war die ganze Straße hier geschmückt mit Ramadan-Schmuck. Die Muslime fordern die Scharia, sie fordern das Kalifat für Deutschland.«

Tobias Riemenschneider ist 42 Jahre alt und arbeitete noch vor wenigen Jahren als Rechtsanwalt für Aktienrecht. Die Tätigkeit gab er auf, um sich ganz dem religiösen Fanatismus hinzugeben. In seinen Schriften und Predigten hetzt er gegen alles, was nicht in sein christlich-fundamentalistisches und extrem rechtes Weltbild passt. Seine Sicht auf die Zukunft ist apokalyptisch, seine Sprache martialisch. Eine Predigt im Oktober 2023, in der er dafür wirbt, bei den bevorstehenden hessischen Landtagswahlen für die AfD zu stimmen, beginnt er mit dem Gebet »Herr, unterweise unsere Hände zum Kampf und unsere Finger zum Krieg«. Im November 2025 predigt er, dass viele Menschen »wegen der Islamisierung einen Bürgerkrieg in Europa für wahrscheinlich« hielten und dass Männer wissen müssten, »wie wir uns und unsere Familien schützen«. Die Kirche sieht er »im Krieg gegen die woke Linke«, Feminismus nennt er eine »Kriegserklärung an Gott«. Die Kirche müsse dagegen in den Kampf ziehen, er und seine Gemeinde wollen da voranschreiten.

Ihren Kampf führt die Riemenschneider-Kirche auch digital. Ihr YouTube-Kanal hat 26.500 Abonnent*innen, über ihn sendet sie ihre Predigten und andere Beiträge – seit 2016 sind es fast 1.000 Videos mit über 700 Stunden Redezeit. Beiträge wie »Warum die Linke böse ist«, veröffentlicht im Oktober 2025, erhalten binnen drei Monaten über 50.000 Aufrufe, einzelne Videos gar über 200.000. Auf Spotify werden die Predigten, die teils über eine Stunde dauern, als Podcast verbreitet, Auszüge davon werden auf Facebook und TikTok gestellt.

Auch ist Riemenschneider Gesprächspartner anderer rechter Medien. Der extrem rechte christliche Influencer Leonard Jäger (»Ketzer der Neuzeit«), der für seine Videos sechsstellige Aufrufzahlen generiert, bewirbt sein fast dreistündiges Gespräch mit Riemenschneider im November 2025 mit dem Titel »Deutschlands radikalster Priester packt aus«.

Tobias Riemenschneider predigt am 10. August 2024 auf der Frankfurter Zeil gegen den CSD. Quelle: YouTube

Die Bibeltreuen

Die Evangelisch-reformierte Baptistengemeinde Frankfurt (ERB Frankfurt) zählt zur evangelikalen Missionsbewegung. Sie beansprucht den einzig wahren Glauben und möchte andere bekehren. Sie versteht sich als eine Gemeinschaft »bibeltreuer« ChristInnen, was meint: Die wörtliche Auslegung der Bibel bildet für sie die Grundlage ihrer Lebensführung und des menschlichen Zusammenlebens. In der Selbstdarstellung der Homepage der ERB Frankfurt heißt es:

»Wir glauben, dass die Heilige Schrift die schriftliche Offenbarung Gottes ist, die einzig ausreichende sichere und unfehlbare Richtlinie für alle zum Heil notwendige Erkenntnis, für den rettenden Glauben und den Glaubensgehorsam. […] Weil die Heilige Schrift von Gott ausgehaucht ist, hat sie in sich selbst volle Autorität; sie stützt diese nicht auf Kirchen, Konzile oder Glaubensbekenntnisse, sondern hat Autorität, weil sie das Wort Gottes ist.«

Nur hält die »Heilige Schrift« Bilder und Gleichnisse bereit, die wörtlich genommen einfach nur Absurditäten sind. Doch für die Bibeltreuen sind Geschichten über eine sprechende Schlange, eine Jungfrauengeburt sowie einen Dornbusch, der sich selbst entzündet, unumstößliche Wahrheiten, deren Infragestellung der Ketzerei gleichkommt. Eine ihrer großen Feinde ist deshalb die Wissenschaft. Tobias Riemenschneider predigt:

»Habt keine Angst vor irgendwelchen Philosophen oder Wissenschaftlern, die sich selbst für weise halten und euch Dinge erzählen, die Gottes Wort widersprechen. Diese Menschen sind nicht weise, sie sind Toren und jeder von uns ist klüger und weiser als sie.«

Der Kreationismus – die Ansicht, dass Gott die Welt vor 6000 Jahren geschaffen habe – ist ein Dogma, das schon den Kindern der Gemeinde eingeschärft wird. Im Jahr 2024 eröffnete die ERB Frankfurt den YouTube-Kanal PRO REGE KIDS. Dort wurden im Oktober 2025 ein knapp achtminütiger Beitrag mit dem Titel »Gab es Drachen wirklich?« veröffentlicht. Darin spielt Riemenschneider (»Hallo Kinder, ich bin’s, Pastor Tobias«) den Märchenonkel. Er sagt: Ja, es habe Drachen gegeben, doch würden diese heute Dinosaurier genannt und man gehe davon aus, dass sie ausgestorben seien. Doch dies sei nicht vor 66 Millionen Jahren geschehen, »wie viele ungläubige Wissenschaftler behaupten, denn wir wissen aus der Bibel, dass Gott die Drachen schuf am fünften beziehungsweise sechsten Tag vor ungefähr 6000 Jahren.«

Straßenmisson (»Evangelisierung«) in der Frankfurter City im Jahr 2022. Leonardo Zarbo (links) und Martin Gomer (2.v.l.), beide aus Neu-Anspach, waren Prediger in der ERB Frankfurt und gehören heute der Gnadenkirche Frankfurt an. Quelle: Facebook

Der Verein und die Gemeinde ERB Frankfurt

Treibende Kraft zur Gründung der ERB Frankfurt war Peter Schild, 40 Jahre alt, Vater von fünf Kindern und wohnhaft in Maintal-Bischofsheim. Er wurde 2014 von der Evangelisch-Reformierten Baptistengemeinde Wetzlar als Missionar nach Frankfurt entsandt, um dort eine ERB aufzubauen. Dazu tat er sich mit Tobias Riemenschneider zusammen und im gleichen Jahr begannen die beiden in Frankfurt die Straßenmission.

Nächster im Bunde war Dietmar Riemenschneider, Vater von Tobias Riemenschneider, ein Anwalt und Investor aus Bad Homburg. Im August 2016 gründete sich im Haus von Dietmar und Judith Riemenschneider der Verein Evangelisch-Reformierte Baptistengemeinde Frankfurt.

Seit November 2016 tritt die ERB Frankfurt als Kirche auf. Peter Schild und Tobias Riemenschneider übernahmen als Pastoren die Leitung, letzterer war dort von circa 2021 bis Ende 2025 in Vollzeit angestellt. Als Anschrift diente ihr seit der Anfangszeit das Haus der evangelikalen International Christian Fellowship (ICF) in der Hohemarkstraße 75 in Oberursel. Dort hielt die ERB Frankfurt bis Ende 2025 auch ihren Sonntags-Gottesdienst ab. 2025 wurden bei diesem über 100 Personen festgestellt, ein Drittel davon Kinder und Jugendliche. Der Nachwuchs darf beim Gottesdienst dabei sein, für ihn gibt es danach Bibelunterricht.

Wie die Gemeinde ihre Arbeit und Pastoren finanziert, ist weitgehend unklar. Abgaben ihrer AnhängerInnen dürften eine große Rolle spielen. Auch betreibt sie den PRO REGE Verlag und Shop, der religiöse Bücher sowie Merchandise-Artikel der Gemeinde (Tassen, Kugelschreiber, etc.) vertreibt. Der Buchverkauf findet zudem bei Gottesdiensten, Konferenzen sowie über Büchertische bei der Straßenmission statt. »PRO REGE« ist seit Dezember 2024 eine eingetragene Marke, die zeitweise auch eigene Kleidung anbot.

Ein Höhepunkt der Aktivitäten der ERB Frankfurt war die »PRO REGE Konferenz«, die sie jeden Herbst ausrichtete. Hier traten bekannte evangelikale Prediger aus verschiedenen Ländern, unter anderem aus den USA, auf und Initiativen stellten sich mit Infoständen vor. Die »PRO REGE Konferenz« im Oktober 2025 besuchten mehrere hundert Personen. Die Stadt Friedrichsdorf hatte hierfür das Kultur- und Tagungszentrum Forum Friedrichsdorf zur Verfügung gestellt.

An der »PRO REGE Konferenz« im Oktober 2025 in Friedrichsdorf nahmen mehrere hundert Menschen teil. Ausgerichtet wurde diese von der ERB Frankfurt. Quelle: Facebook

Die Spaltung der Gemeinde im Herbst 2025

Im Herbst 2025 suchte Tobias Riemenschneider immer offensiver die Nähe zur AfD. Derweil zerfiel seine ERB-Gemeinde in zwei Gruppen. Die Anschrift der ERB Frankfurt wurde von Oberursel zu Dietmar und Judith Riemenschneider nach Bad Homburg verlegt. Seit November 2025 werden auf dem YouTube-Kanal der ERB Frankfurt, der zuvor oft mehrmals die Woche bespielt wurde, keine Predigten der Gemeinde mehr online gestellt.

Am 20. Februar 2026 meldete sich Tobias Riemenschneider auf dem neu gegründeten YouTube-Kanal Christuskirche Frankfurt zu Wort. In einer Ansprache, die binnen 24 Stunden 15.000 Zugriffe verzeichnete, erklärt er den Konflikt aus seiner Sicht. Man habe ihn in der Gemeinde bezichtigt, Geld unterschlagen zu haben sowie »hart und lieblos« gegen Gemeindemitglieder vorgegangen zu sein. Auch werde ihm »politischer Aktivismus vorgeworfen, der mit dem Amt des Pastors unvereinbar sei«. Riemenschneider bestreitet alles und keilt zurück. Er habe als Pastor durchgreifen müssen, da sich »der geistliche Zustand der Gemeinde […] massiv verschlechtert« habe und dort schlimme Sünden begangen worden seien. Seitdem sei er Verleumdungen und Lästereien ausgesetzt und schließlich habe man ihn ausschließen wollen.

Für einen Neuanfang habe sich – so Riemenschneider – die ERB Frankfurt nun in Christuskirche Frankfurt umbenannt. Zu seinen Gefolgsleuten zählen knapp 20 Erwachsene, die ein Dutzend Kinder mitbringen. An seiner Seite verblieben seine Eltern sowie die Familie von Paul Sayers und Jasmin Sayers aus Karben (Wetteraukreis). Paul Sayers war viele Jahre Prediger und Missionar der ERB Frankfurt, nun leitet er als Co-Pastor die Christuskirche Frankfurt. Diese verließ das Haus der ICF und hält ihren Gottesdienst nun sonntags in den Räumen einer Tanzschule im alten Bahnhofsgebäude in Oberursel ab. Die Homepage der ERB Frankfurt ging Februar 2026 zunächst offline und erscheint nun in neuem Design unter dem Namen der Christuskirche Frankfurt. Riemenschneider kündigt an, bald wieder Predigten online zu stellen, auch seien schon neue Mitglieder getauft worden.

Dietmar Riemenschneider und Tobias Riemenschneider leiten die neugegründete Christuskirche Frankfurt. Auf dem Foto vom 1. Februar 2026 sind die beiden auf dem Weg zum Gottesdienst ihrer Kirche, der derzeit im Bahnhofsgebäude in Oberursel stattfindet. © Rhein-Main-Rechtsaußen

Der Großteil der Mitglieder, ca. 90 bis 100 Personen, darunter ein Drittel Kinder und Jugendliche, verblieb bei Peter Schild und trifft sich weiterhin jeden Sonntag unter dessen Leitung im Haus der ICF zum Gottesdienst. Am 5. Dezember 2025 gründete Peter Schild mit ein paar AnhängerInnen einen neuen Verein, die Reformierte Baptistengemeinde Frankfurt e.V., die sich Gnadenkirche Frankfurt nennt. Im Vereinsvorstand sitzt neben ihm Hans Ewert aus Neu-Anspach, der zuvor Diakon in der ERB Frankfurt war.

Ob noch eine weitere »PRO REGE Konferenz« stattfinden und wer diese ausrichten wird, ist derzeit noch unklar.

Wo die Frau sich dem Manne unterordnen soll

Sowohl in der Christuskirche als auch in der Gnadenkirche dürfen nur männliche Mitglieder ein Amt in der Gemeinde bekleiden. Den Frauen bleibt neben Rollen als Hausfrau und Mutter auch die Aufgabe, Infotische zu betreuen, wenn die Männer auf der Straße predigen.

In einer Predigt vom März 2024, die unter dem Titel »Die Männlichkeit Jesu« verbreitet wird, beklagt Riemenschneider, dass Feminismus dazu geführt habe, »dass viele nicht mehr wissen, wie man ein echter Mann ist«. Gott wünsche sich Männer, die »wahrhaft mannhaft sind und stark« seien, stattdessen erlebe man heute »eine Pandemie verweichlichter und schwächlicher Männlein«. In einer weiteren Predigt im Mai 2025 sagt er: »Die Frau soll sich ihrem Mann unterordnen. Das heißt, sie soll ihm gehorchen und ihn ehren«, denn dies sei »biblisch geboten«.

Zur Rolle der Frau in der Gesellschaft hat Peter Schild ein kleines Buch geschrieben, das 2024 in zweiter Auflage erschien, der Titel: »Eine Frau, die zu rühmen ist«. Darin ist zu lesen: Die »Merkmale einer Lobenswerten Frau« seien Gottesfurcht, Anstand, Tüchtigkeit sowie »ein sanfter und stiller Geist«.

Die Agitation gegen Schwangerschaftsabbrüche ist ein Schwerpunkt der Predigten und Gemeinde-Aktivitäten. Videos der ERB Frankfurt zeigen Tobias Riemenschneider, Peter Schild und andere Prediger der ERB, wie sie Passant*innen auf der Frankfurter Zeil über einen »Massenmord mitten in Deutschland« zu belehren versuchen.

Infostand an der Frankfurter Hauptwache der Evangelisch-Reformierten Baptistengemeinde Frankfurt gegen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen, Frühjahr 2025. Quelle: Facebook

Im Interview mit Leonard Jäger (»Ketzer der Neuzeit«) im Januar 2024 setzt Schild Abtreibungen mit dem Holocaust gleich. Diesen Vergleich zieht auch Tobias Riemenschneider im Artikel »Abtreibung, der stille Holocaust«, den er für das Magazin Allein das Wort der Evangelisch-Baptistischen Christusgemeinde Waiblingen verfasste (Ausgabe September 2024). Dort schreibt er:

»Darüber hinaus ist Abtreibung eine nationale Sünde mit nationalen Konsequenzen. Es sind nicht einige wenige Einzelpersonen, die abtreiben, es handelt sich um ein staatlich und gesellschaftlich gewolltes und gefördertes Vernichtungssystem«.

Feindbilder links, trans*, homosexuell

Die Wurzel allen Übels ist für Riemenschneider die gottlose Linke. Linkssein, so heißt es in einem seiner YouTube-Video im Oktober 2025, sei »ein Werkzeug des Satans in seinem geistlichen Kampf gegen Christus.«

Satan und seine linken Helfershelfer*innen schaffen nach Ansicht von Riemenschneider den Sündenpfuhl Christopher Street Day. Auch außerhalb des Rhein-Main-Gebiets beteiligen sich AktivistInnen der ERB Frankfurt an Anti-CSD-Aktionen. Zum Beispiel am 21. September 2024 in Remscheid, als christliche Gruppen zusammen mit der rechtspopulistischen Bürgerbewegung Pro Remscheid gegen den CSD demonstrierten. Auch Tobias Riemenschneider hielt dort eine Rede.

In Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit sieht Riemenschneider schwere Sünden. 2023 gab er im evangelikalen Lichtzeichen Verlag das Taschenbuch »Homosexualität und Transsexualität und Jesus Christus« heraus. Darin schreibt er:

»Gott hat nicht nur bestimmt, was das Geschlecht ist, er hat auch bestimmt wie Sexualität auszuüben ist, nämlich innerhalb der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau […] alle anderen Formen der Sexualität und alle anderen Formen der Ehe, sind Übertretungen des Gesetzes Gottes, widernatürliche Verdrehungen der göttlichen Schöpfungsordnung.«

Auch beklagt Riemenschneider das Verbot von Konversionsbehandlungen, jener angeblichen Therapien, die homosexuelle und transgeschlechtliche Personen »heilen« wollen.

Tobias Riemenschneider bei seiner Rede auf der Gegendemonstration zum Christopher Street Day in Remscheid am 21. September 2024. Zu dieser Demonstration hatte rechte christliche Gruppen und die rechtspopulistische Bürgerbewegung Pro Remscheid aufgerufen. Quelle: Facebook
Auch dem extrem rechten YouTube-Kanal Ketzer der Neuzeit dient Tobias Riemenschneider als Gesprächspartner. Die Sendung vom November 2025 hatte binnen zwei Monaten über 100.000 Zugriffe. Quelle: YouTube

Der (gescheiterte) Plan, eine Schule zu gründen

Am 23. Juni 2024 kamen in Oberursel sieben Personen der ERB-Gemeinde zusammen, um den Verein Pädagogische Initiative Rhein-Main e.V. mit Sitz in Frankfurt zu gründen. Den Vorstand stellen seitdem Dietmar Riemenschneider und Paul Sayers. Ein weiteres Gründungsmitglied ist Patrick Müller aus Oberursel, der ebenfalls für die ERB Straßenmission betrieb und heute dem Kreis um Peter Schild zugehört. Den Rest der Gründungsversammlung bilden Priscilla Schild, Jasmin Sayers, Judith Riemenschneider sowie Nicole Riemenschneider, allesamt Ehefrauen der ERB-Männer.

Die Pädagogische Initiative Rhein-Main e.V soll offensichtlich den vereinsrechtlichen Rahmen zum Aufbau einer Schule in Frankfurt stellen. Auf einer Konferenz »Classical Christian Education« am 31. Januar 2025 im schottischen Aberdeen berichtete Paul Sayers von diesen Plänen. Er erzählte von einer starken Zunahme privater Schulen, nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel 2015 angeblich die Grenzen geöffnet und alle Geflüchteten zum Kommen aufgefordert habe (Zitat: »Angela Merkel opened up the Borders said ‚come on come one come all’ and refugees came«).

Sayers betonte die große Bedeutung, die die Erziehung der Kinder in der Bewegung habe und zitierte Douglas Wilson, einem einflussreichen evangelikalen Prediger aus den USA, mit dem Satz: »If you are willing to allow you children to be influenced and educated and formed by the world than you are failing your children« (übersetzt »Wenn ihr bereit seid, zuzulassen, dass eure Kinder von der Welt beeinflusst, erzogen und geprägt werden, dann versagt ihr euren Kindern gegenüber«). Wilson ist Teil der MAGA-Bewegung des Donald Trump und unterhält Verbindungen in die Führungsriege der Republikanischen Partei. Er fordert, dass die Regierungen die Entscheidung über die schulische Erziehung der Kinder ganz den Familien überlassen. Ein Verband christlicher Schulen, den er 1993 mitbegründete, zählt heute über 500 Schulen im ganzen Land.

In seinem Beitrag in Aberdeen stellte sich Paul Sayers als Leiter und als einer von fünf vorgesehenen Lehrkräften der geplanten Schule in Frankfurt vor. Er beklagte die hohen Hürden, die man beim Aufbau dieser Schule habe: Es gebe viele Formalitäten, man stehe unter Zeitdruck und habe noch kein passendes Gebäude.

Auch wenn die Planungen zur Schulgründung bisher keinen Erfolg hatten und die Spaltung der Kirche sowie ein darauffolgender Streit um Spendengelder herbe Rückschläge für Riemenschneider waren: Christuskirche wie auch Gnadenkirche werden am Punkt der Schulgründung nicht locker lassen. Denn die Abschottung der Kinder von der Welt und von allen Weltlichen ist eine ihrer wichtigsten Aufgaben.

Im Februar 2022 wurde Martin Gomer zum Diakon der ERB Frankfurt ernannt. Zu diesem Zeitpunkt wurde er als »angehender Grundschullehrer« vorgestellt. Gomer war bis mindestens Ende 2022 Diakon der Gemeinde. Er gehört heute der Gnadenkirche an und ist Lehrer an einer staatlichen Grundschule in Bad Homburg, Links im Bild Peter Schild, im Vordergrund Dietmar Riemenschneider, verdeckt Tobias Riemenschneider. Quelle: Facebook

Die Kinder der Gemeinschaft

In einer Gemeinschaft wie der ERB wachsen die Kinder in einem sozialen Gefüge auf, dass von Verschlossenheit, Demokratiefeindlichkeit und einem hierarchischen Ordnungs- und Glaubenssystem geprägt ist. Der Gehorsam zu einem Gott, Pastoren, die behaupten, Gottes Wort zu verkünden, eine Gemeinde, die nichts in Frage stellt und in der sich die Frauen den Männern unterordnen. Über den Rest der Welt heißt es, er lebe in ständiger Schuld und könne nur über die Hinwendung zum »wahren Glauben« Erlösung finden. Über derartige Gehirnwäschen funktionieren Sekten, religiös-fundamentalistische Gemeinschaften und auch manche völkische Familienbanden.

Die Schulen sind bislang oft die einzigen Orte, wo die eigenen Kinder nicht abgeschottet werden können und wo ihnen eine andere Welt gezeigt wird. Die Schulpflicht, die das deutsche Gesetz vorschreibt, ist die Schwachstelle im System aller sektenartigen Gemeinschaften. Denn um Kinder und Jugendliche in der Gemeinschaft zu halten, muss man sie beständig indoktrinieren. In den Predigten wendet sich Tobias Riemenschneider manchmal an die Kinder im Raum. Auch fanden zu Zeiten der ERB Frankfurt nach dem Gottesdienst zusätzlich »Kinderstunden« statt, in der diese »altersgerecht aus der Bibel unterrichtet« wurden. Die Autoritäten der Kirche schüren Ängste und geben Versprechen, sie verunsichern und bauen wieder auf – und schaffen darüber ein System von Abhängigkeit und Kontrolle.

Die Taufe ist ein Initiationsritual der ERB Frankfurt / Christuskirche Frankfurt. Mit ihr geschieht die Aufnahme als Mitglied der Gemeinde. Quelle: Facebook

Mit der AfD gegen die Schulpflicht

Am 11. Dezember 2025 sprach Tobias Riemenschneider auf der »Weihnachtsgala« der AfD Sachsen-Anhalt in Magdeburg. Die AfD steht in dem Bundesland derzeit laut Umfragen bei 40 Prozent, es droht die Gefahr, dass sie nach den Landtagswahlen im Herbst 2026 die Regierung stellt. Im Januar 2026 wurde der Entwurf ihres Regierungsprogramms bekannt. Darin steht, dass die staatliche Schulpflicht durch eine Bildungspflicht ersetzt werden soll, die es viel leichter machen würde, »Homeschooling« zu betreiben. Auch will die Partei staatliche Leistungen an die großen Kirchen streichen und stattdessen kleine Kirchen fördern. Sie schreibt: »In Freikirchen, Baptistengemeinden und orthodoxen Kirchen wird ein authentischer und vitaler Glaube praktiziert, der die kulturelle Wende, die wir anstreben, vielfältig unterstützt.« Man könnte denken, Riemenschneider habe da mitgeschrieben.

Auch in anderen Bundesländern ist die Schulpflicht ein Thema der AfD. In Baden-Württemberg fordert die Partei in ihrem Wahlprogramm, »die im internationalen Vergleich sehr strenge deutsche Schulpflicht« zu lockern, im Brandenburger Parlament beantragte sie im Januar 2025, eine Bildungspflicht einzuführen, da die »Schulpflicht im klassischen Sinne hinfällig« sei.

Am 15. Januar 2026 trat Riemenschneider auf dem Neujahrsempfang der AfD im hessischen Landtag in Wiesbaden auf und forderte in seiner Rede, dass die Politik den Heimunterricht erlauben müsse. Fotos der Veranstaltung zeigen ihn beim Handshake mit Andreas Lichert, einem der Landesprecher der AfD in Hessen. Lichert nimmt regelmäßig an den Gottesdiensten der Freien evangelischen Gemeinde Friedberg teil, die dem evangelikalen Spektrum angehört. Dort ist er aufgrund seiner politischen Tätigkeit umstritten, erfährt jedoch auch Unterstützung von Gleichgesinnten. Seine Ehefrau Bettina Lichert arbeitet bei einer evangelikalen Hilfsorganisation.

Auftritte von Tobias Riemenschneider auf der »Weihnachtsgala« der AfD Sachsen-Anhalt in Magdeburg am 11. Dezember 2025 (links) sowie auf dem Neujahrsempfang der AfD Landtagsfraktion Hessen in Wiesbaden am 15. Januar 2026 (rechts). Das Foto zeigt ihn zusammen mit Andreas Lichert, einem der Vorstandssprecher der AfD Hessen. Quelle: Instagram

Der Freundschaftspakt mit der AfD

Seit über zwei Jahren schon bekennt sich Tobias Riemenschneider offen zur AfD. Im Oktober 2023, eine Woche vor den hessischen Landtagswahlen, rief er in einer Predigt dazu auf, die AfD zu wählen. Er sagte, diese sei zwar »keine gute Partei im biblischen Sinne, aber sie ist das kleinere Übel und in einigen Punkten ist sie tatsächlich nicht schlecht«.

In einem Video »Alice Weidel – Kann man sie wählen?« im Februar 2025 stellt er die Frage, ob man als Christ die AfD wählen könne, wo doch die Parteivorsitzende Alice Weidel mit einer Frau verheiratet ist. Konsequenterweise bezichtigt er auch sie der Sünde. Die AfD wähle er dennoch. Im August 2025 legt er mit einem Video-Statement nach. Er gebe der AfD seine Stimme, weil er Weidel für eine vernünftige und fähige Frau halte und weil er bei ihr und der Partei »nichts gesehen habe, was ich für rechtsradikal halte.« Denn Rechtsradikale würde er nicht wählen.

Am 10. Oktober 2025 trat Riemenschneider auf einer Vortragsveranstaltung der AfD-Fraktion im Bundestag in Berlin auf, das Thema war »Spannungsfeld Christ und Politik«. Anlass war das zehnjährige Bestehen der Vereinigung Christen in der AfD (ChrAfD), in denen Riemenschneider »wahre Brüder und Schwestern« erkennt. In seiner Rede verknüpfte er Hetze gegen Schwangerschaftsabbrüche mit Erzählungen vom »Großen Austausch« und vom drohenden »Volkstod«: »Wir schaffen uns selbst ab und werden ersetzt durch Menschen aus Kulturen, die ihre Kinder nicht töten, sondern die sich vermehren und Gott warnt […] ein solches Volk wird aufhören zu existieren«. Über diese Rede berichteten Anfang Dezember die tagesschau sowie die WDR-Sendung »Radikale Christen in Deutschland: Kreuzzug von rechts«.

Am 24. Januar 2026 trat Tobias Riemenschneider beim Stammtisch der Christen in der AfD in Wetzlar auf. Das Foto zeigt ihn neben Catherine Schmiedel, Beisitzerin im AfD-Kreisverband Bergstraße. Rechts im Bild ist Martin Hohmann, ehemaliger Bundestagsabgeordnete der CDU und früherer Bürgermeister von Neuhof (bei Fulda), der seit 2016 der AfD angehört. Quelle: Instagram

Die Auftritte von Riemenschneider im AfD-Spektrum nehmen seitdem zu. So sprach er unter anderem bei ChrAfD-Stammtischen in Baden-Baden (31. Oktober 2025) und in Wetzlar (24. Januar 2026). Dabei leierte er die gängige AfD-Propaganda herunter. So behauptete er, dass in Deutschland eine »Klimaideologie« herrsche, dass durch eine »linkswoke Ideologie« Kinder »homosexualisiert und transsexualisiert« würden und dass »die Masseneinwanderung aus islamischen Kulturen« zu Vergewaltigungen und tödlichen Messerattacken führe.

Der AfD kommen AnhängerInnen, die Einfluss in christlichen Gemeinden haben, wie gerufen. Die Partei will konfessionelle Christen als WählerInnen gewinnen und schürt teils mit christlicher Rhetorik Ängste vor Muslim*innen. Zwar wünscht sich Riemenschneider »einen gottesfürchtigen Staat, der sich an Gottes Gesetzen misst« – was meint: einen Gottesstaat – doch sind seine skeptischen Töne zur AfD (»das kleinere Übel«) nahezu verstummt. Aus dem Zweckbündnis zwischen dem Pastor und der Partei ist ein Freundschaftspakt geworden.

Der Gefahren nicht bewusst

Die bibeltreuen ChristInnen – egal, ob sie sich Gnadenkirche Frankfurt oder Christuskirche Frankfurt nennen – sind vor allem eins: reaktionär und demokratiefeindlich bis ins Mark. Doch verpacken sie ihre hochpolitischen und aggressiven Botschaften als »Worte Gottes« und werden deshalb häufig nicht als politische AkteurInnen wahrgenommen. Dies ändert sich meist erst, wenn sie sich aufs politische Parkett begeben, wie es Tobias Riemenschneider mit seinen Auftritten bei der AfD tut.

Wenngleich sich die ERB Frankfurt wegen des »politischen Aktivismus« ihres Pastors zerstritten hat, so gibt es doch zwischen der abtrünnigen ERB-Mehrheit und Riemenschneider keine weltanschaulichen Differenzen. Die kreationistischen, antimuslimischen, frauen- und schwulenfeindlichen Positionen wurden von der gesamten Gemeinde vertreten und finden sich heute sowohl in der Christuskirche Frankfurt als auch in der Gnadenkirche Frankfurt. Das betrifft auch Personen wie Martin Gomer, der von Anfang 2020 bis Ende 2022 als Diakon der ERB Frankfurt wirkte und aktuell der Gnadenkirche zugehört. Gomer ist Lehrer an einer staatlichen Grundschule in Bad Homburg.

In dieser Darstellung der biblischen Schöpfungsgeschichte im Creation Museum in Kentucky (USA) lebten die Menschen vor 6.000 einträchtig neben Dinosauriern. Von derartigen Museen träumen bibeltreue Christen hierzulande – die AfD auch? Quelle: N/A

Zudem: Die bibeltreuen Gemeinden leisten einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zum grassierenden Irrationalismus in der Gesellschaft. Sie glauben und predigen, dass Gott im Rahmen einer Schöpfungswoche vor 6.000 Jahren sowohl Dinosaurier als auch Menschen erschaffen habe und dass diese zusammen auf der Welt lebten. Denen, die dies anzweifeln, prophezeien sie ewige Verdammnis in der Hölle. Dass eine Person, die diesem Glauben anhängt, an einer staatliche Schule Kinder unterrichtet, ist nur ein Beispiel, das zeigt, wie wenig man sich in manchen Behörden und Institutionen über die Gefahr durch christlich-fundamentalistische Rechte bewusst ist.


Zu Tobias Riemenschneider siehe auch: »Radikale Christen in Deutschland: Kreuzzug von rechts«, WDR, 11.12.2025

zu Andreas Lichert und der Freien Evangelischen Gemeinde Friedberg siehe auch: »Überzeugter Christ wählt AfD«, Hessencam, 02.03.2026